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Ivory and Ebony - Jared/Jensen AU - Psychothriller - completed
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Titel: Ivory and Ebony - Jensen/Jared AU
Autor: aic
Genre: Thriller, Psycho

Disclaimer:
Die Jungs gehören sich selbst, der Plot allerdings und alle Nebencharas sind meins, mein Schatz! *ggg*

FSK-16

Inhalt:
Die Detectives Jensen Ivory und Jared Ebony könnten unterschiedlicher nicht sein. Ivory, ein vom Leben gebeutelter Cop, der versucht sein Leben wieder in den Griff zu bekommen und Ebony der Jetsetter, der meint, jede Frau müsse ihm auf Anhieb verfallen. Dass es dadurch immer wieder zu kleinen Reibereien zwischen den beiden kommt, ist klar. Trotzdem sind sie dicke Freunde. Als ein Serienmord, der in satanistische Kreise führt, die Stadt erschüttert, riskieren die beiden Kopf und Kragen, um dem wahnsinnigen Treiben ein Ende zu setzen.


Prolog

Ein Mädchen lief in dieser dunklen Nacht um ihr Leben. Ihr Herz raste wie verrückt, das Adrenalin pumpte durch ihren Körper, ließ sie die Schmerzen, die ihr die dornigen Büsche zufügten nicht spüren. Immer wieder strauchelte sie, fing sich und lief weiter. Ihr jagte eine Meute von vermummten Gestalten hinter her. Zum Teil trugen sie schwarze Capes und Kapuzen, wie sie einst der KKK getragen hatte. Die anderen glichen Ninjas, eben einem Karatefilm entsprungen. Der Abstand zwischen dem Mädchen und ihren Verfolgern wurde immer geringer. Sie wusste, ihr Körper würde sie demnächst im Stich lassen. Sie stand vor dem totalen Zusammenbruch. Es war der schiere Überlebenswille, der sie soweit hatte kommen lassen. Plötzlich hörte sie die Geräusche von vorbeibrausenden Autos. „Noch ein Stück“, sprach sie sich in Gedanken Mut zu, „bloß noch ein Stück, dann hast du’s geschafft Candy.“ Ihre Beine trugen sie kaum noch. Endlich, die Schnellstraße! Keuchend kroch sie den Hügel hinauf. Sie sah den herannahenden Lastwagen nicht. Genauso wenig nahm sie der Fahrer dieses Ungetüms wahr. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und ihr Körper wurde von dem tonnenschweren Fahrzeug erfasst und überrollt. Alles ging so blitzschnell, dass der Fahrer des LKW’s nur ein leichtes Rumpeln verspürte, sich zwar wunderte aber weiterfuhr. Ebenso wie manch andere Fahrzeuge in dieser Nacht. Niemand konnte anschließend sagen, wie oft sie überrollt worden war. Ihr Körper lag am Straßenrand, die Glieder unnatürlich verrenkt. Ihre Verfolger sahen mit Genugtuung, dass andere für sie die Drecksarbeit erledigt hatten. Trotzdem ging einer von ihnen zu dem Mädchen. Er musste noch eine Botschaft für eine bestimmte Person hinterlassen. Daher steckte er dem Mädchen eine goldene Münze, mit einem Feuer speienden Drachenkopf in die blutverschmierte Hosentasche. Anschließend verschwand die merkwürdige Truppe unbemerkt in den Wald

Kapitel 1

Jared Ebony saß lässig an seinem Schreibtisch, die Füße lagen über Kreuz auf der Tischplatte und er war ganz und gar in die „Sports Illustrated“ vertieft. Ein Schlüsselbund flog durch die Luft und landete mit lautem Klirren auf dem Schreibtisch gegenüber. Vor lauter Schreck hatte Jared alle Mühe nicht mit seinem Stuhl umzukippen. Er blickte in die Richtung, aus der die Schlüssel vermutlich gekommen waren.

„Hast du nen Knall Ice?“ fuhr er seinen Partner Jensen Ivory an, der noch gut zehn Schritte vom Tisch entfernt war.

„Ich wär beinahe tot umgefallen.“

„Das würdest du allen Ernstes für mich tun? Einfach so?“ entgegnete Jensen gereizt.

Mit einem lauten Seufzer ließ er sich in den Stuhl fallen. Jared legte die Zeitschrift zur Seite und musterte sein Gegenüber eindringlich.

„Aus welchem Müllcontainer bist du denn gekrochen Ice?“

„Du mich auch“, entgegnete der Angesprochene, stieß sich samt seinem Stuhl von der Tischkante ab und rollte zur Kaffeemaschine.

Dort leerte er sich eine zähe dunkle Masse in einen Becher.

Jared verzog angewidert das Gesicht, „also wenn du dir das Zeug allen Ernstes einverleibst, muss es ja höllisch gewesen sein letzte Nacht. Willst du darüber reden?“ besorgt sah er seinen Partner an.

„Sarah und ich hatten wieder einen bösen Streit“, erklärte Jensen und trank tapfer das Gebräu aus dem Becher, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Jared griff sich an den Kopf, „ich fass es nicht Ice, echt. Du bist wirklich von allen guten Geistern verlassen. Hast du nach einem Jahr noch immer nicht geschnallt, was das Wort „Ex“ bedeutet?“

Jensen hörte Jared nicht wirklich zu, er war jetzt seit dreißig Stunden wach und hatte keinen Bock auf einen Vortrag von Dr. Jared.

„Was Ex?“ fragte er deshalb, eher aus Höflichkeit.

„Na Ex, wie Ex-Frau“, startete Jared seinen zigsten Aufklärungsversuch, „Herrgott, kannst du ihr nicht mal die kalte Schulter zeigen, wenn sie dich anruft. Was war es diesmal? Der Haarfön?“

„Die Waschmaschine“, antwortete Jensen mürrisch.

„Die Waschmaschine, ja iss es denn … An deiner Stelle hätte ich ihr die Nummer eines Reparaturservices gegeben, wenn du ihr schon behilflich sein willst. Aber nein, du musstest wieder Mal den edlen Samariter spielen.“

„Was regst du dich eigentlich so chemisch auf?“ Jensen wollte sich nicht rechtfertigen.

„Wenn ich dich ansehe, muss ich mich aufregen. Seit deiner Scheidung läufst du herum wie ein Sozialhilfeempfänger.“

„Der bin ich auch bald. Sie will mehr Geld von mir. Sie will Joy auf eine Schule für höhere Töchter schicken und das kostet.“

„Hast du eigentlich den Vaterschaftstest machen lassen?“ drang Jared weiter in seinen Partner vor.

„Nope“, gab Jensen stoisch zurück.

„Warum nicht, ich sag dir die Kleine ist ein Kuckuckskind. Es ist das einzige Druckmittel, das Sarah in der Hand hat. Erinnere dich an ihren Ausraster, als du ihr gegenüber den Test erwähnt hast.“

„Ich ... ich denke, ich ….“, stammelte Jensen.

„Schiss hast du Mann. Ehrlich. Du hast Schiss davor zu erfahren, dass du nicht ihr Daddy bist“, Jared konnte manchmal ziemlich direkt sein.

„Das reicht jetzt“, Jensen knallte den Becher auf den Tisch, „noch ein Wort Jared und ich schwör dir ich ….“

Ihre Pieper gingen zur gleichen Zeit los. Ebenso wie bei einigen anderen in der Mordkommission.

„Verschieben wir das auf später“, meinte Jared trocken, „wir nehmen meinen Wagen. In deinem Zustand fährst du keinen Meter.“

Jensen brummte etwas Unverständliches und folgte seinem Partner. Insgeheim war er froh, nicht ans Steuer zu müssen.

Sie rasten in Jareds Ferrari zum Tatort. Er hasste Dienstwagen. Das Geld für seinen Wagen und seinen aufwendigen Lebensstil finanzierte er sich durch einen saftigen Lottogewinn und seinem glücklichen Händchen für Spekulationen. Er könnte es sich locker leisten, nichts mehr zu arbeiten. Aber er brauchte den Job bei der Polizei, wie die Luft zum Atmen.

Schließlich war es das einzige, was er von der Pike auf gelernt hatte und es machte ihm Spaß. Jensen hatte ein beträchtliches Sümmchen von seiner Großmutter geerbt, bei der er aufgewachsen war, nachdem seine Eltern sich hatten scheiden lassen und er von beiden nur noch als Last empfunden worden war.

Er hatte das Geld in Immobilien investiert und beinahe alles verloren. Mit Jareds Hilfe hatte er, das was ihm geblieben war, in Trusts und Fonds gesteckt und besaß nun ein kleines, aber feines Zusatzeinkommen. Ein Grund mehr, in der Sache mit Sarah und Joy auf seinen Freund zu hören. Jareds sechster Sinn, bei gewissen Dingen, wurde Jensen beinahe schon unheimlich.

Wahrscheinlich hatte Jared nur die bessere Menschenkenntnis. Er hatte sich ab seinem elften Lebensjahr alleine durchschlagen müssen. Er hatte keine Großmutter gehabt, die ihn aufgenommen hätte. Sein Vater war bei einer Gangschießerei ums Leben gekommen und seine Mutter bestritt ihr Leben mit Drogen und Prostitution. Es musste Jared enorme Kraft gekostet haben, nicht selbst in diesem Sumpf zu versinken. Er sprach auch nicht viel darüber.

„Da sind wir, Tatort, alles aussteigen“, sagte Jared, der seine gute Laune, im Gegensatz zu Jensen, wieder gefunden zu haben schien.

„Was haben wir denn heute zu bieten?“ lässig ging Jared auf die Gerichtsmedizinerin Dr. Andrea Warren zu.

Sie nahm den beiden die Sicht auf das Opfer. Als sie sich erhob und zur Seite trat, bot sich ihnen kein schöner Anblick.

„War, war das mal ein Mensch?“ Jared hatte als erster seine Sprache wieder gefunden.

„Sie ist furchtbar zugerichtet“, meinte Jensen, der schon einiges in seiner Laufbahn als Cop gesehen hatte.

„Sie wurde ein paar Mal überfahren“, begann Dr. Warren ihren Bericht, „der erste Wagen, der sie erfasst hat, muss ziemlich groß gewesen sein.“

„Ein Truck?“ hakte Jensen nach.

Sie nickte.

„Mann und er ist einfach weitergefahren“, Jared war neben der Leiche in die Hocke gegangen.

„Näheres kann ich ihnen erst nach der Autopsie berichten Gentleman. An den Beinen weist sie jedoch für einen Unfall eher untypische Verletzungen auf und in ihrem Haar, sehen sie“, Dr. Warren deutete auf das blutige verfilzte etwas am Kopf der Toten, „da sind jede Menge Zweige und Äste. So als wäre sie gerade aus dem Wald gekommen.“

„Vielleicht ist sie ja aus dieser Anstalt für Durchgeknallte ausgebrochen“, Jared stand auf, „die es hier in der Nähe befindet.“

„Ja das Heim der Heiligen Katharina, es wird von geistlichen Schwestern geführt“, sagte die Gerichtsmedizinerin.

„Ich liebe Pinguine“, ließ Jared vernehmen, „da fällt mir immer Whoopi ein.“

„Ich denke nicht, dass sie die Damen dort singend und tanzend in Empfang nehmen werden Detective Ebony“, wies ihn Dr. Warren zurecht.

„War auch nur so ein Gedanke.“

Der Wagen der Spurensicherung war eingetroffen. Mittlerweile hatte sich ein ansehnlicher Stau auf der Schnellstrasse gebildet.

„Ich geh mal zu unseren Fährtenlesern“, Jensen verabschiedete sich von Dr. Warren.

„Schön sie zu sehen Ivory“, begrüßte ihn der Leiter der Spurensicherung Richard Pale, „was wissen wir bisher?“

„Junge Weiße, wurde mehrfach überfahren. Sie scheint hier irgendwo aus dem Wald gekommen sein“, dabei besah sich Jensen genauer den Straßengraben und wurde kurz darauf fündig, „ich würde mal sagen: genau hier.“

Die Erde war zerwühlt und roch frisch, nachdem Jensen sie zwischen seinen Fingern zerrieben hatte.

„Ich war schon lange nicht mehr im Wald“, scherzte Pale, „und einige meiner Männer müssen ihre Geländetauglichkeit sowieso noch unter Beweis stellen. Das heißt, es wird ein langer Tag.“

Damit ging er von dannen und gab seinen Leuten mit bellender Stimme Anweisungen.

Irgendwie erinnerte er Jensen an den Kommandanten eines Galeerenschiffes. Aber Pale verstand sein Handwerk.

„Hör auf Dr. Warren anzubraten und lass uns fahren“, fauchte Jensen.

„Ja Massa, stets zu ihren Diensten Massa.“

Jared gab Dr. Warren einen Handkuss, blickte ihr dabei tief in die Augen und wollte gerade lässig in seinen Ferrari steigen, als ihn unvermittelt die Fahrertür an seiner empfindlichsten Stelle traf.

Augenblicklich verzog er sein Gesicht und wirkte nun gar nicht mehr so nonchalant wie zuvor.

„Herrgott Jensen! Hast du vor, einen Chorknaben aus mir zu machen?“ presste er hervor.

„Ähm, entschuldige, ich wollte dir lediglich die Tür öffnen. Aber als Chorknabe hättest du vielleicht sogar Chancen bei den Schwestern von der Heiligen Katharina. Dort fahren wir nämlich als nächstes hin und fragen nach, ob ihnen gestern Nacht vielleicht jemand „abhanden gekommen“ ist.

„Und wann gedenkst du zu schlafen, oder noch besser wann hast du vor, dich wieder einmal zu duschen?“ Jared warf seinem Partner einen kritischen Blick zu.

Jensen roch sofort an seinen Klamotten, „so schlimm?“

„Kein Kommentar.“

Jared das Gaspedal seines Ferraris durch und sie brausten mit quietschenden Reifen davon.

„Angeber“, rief ihm Dr. Warren nach, die noch immer Jareds weichen Mund auf ihrem Handrücken spüren konnte. tbc

Posted on: 1/11 20:52

Edited by angelinchains on 2010/2/6 19:15:44
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Kapitel 2
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Kurz darauf standen sie nun vor dem Kloster, das eigentlich eine Irrenanstalt war. Entschlossen ging Jared auf die vergitterte Eingangstür zu und läutete. Nichts. Erneut drückte er auf den Klingelknopf und ließ den Finger diesmal länger oben.

„Ich komm ja schon, ich komm ja schon“, hörten sie eine dumpfe Stimme hinter der Tür.

Eine ziemlich rundliche Nonne öffnete ihnen die Tür und musterte sie eindringlich mit ihren kleinen Schweinsäuglein, „was kann ich für sie tun“, keuchte sie, zog ihren Asthmaspray hervor und hielt ihn sich an den Mund.

„Wir sind die Detectives Ebony und Ivory“, säuselte Jared.

Die Nonne steckte den Spray wieder weg. Ein schiefes Lächeln zog sich über ihr Gesicht.

„Klar und ich bin Schneewittchen. Gentleman gaga sind hier nur die Insassen, aber nicht das Personal.“

Jensen und Jared wussten um die Problematik ihrer Namen, selbst auf dem Revier wurden haufenweise Witze darüber gerissen, seit man sie als Team zusammengespannt hatte. Um ihr den Beweis für die Richtigkeit zu liefern, zückten sie ihre Dienstausweise und hielten sie ihr unter die Nase.

„Die kriegt man heute in jedem SuperJaredt“, kam ihr Kommentar, wie aus der Pistole geschossen.

„Die hier nicht, die sind echt“, Jensen hatte das Wort ergriffen.

„Was wollen sie überhaupt?“ Freundlichkeit war wohl hier nicht angesagt.

Anscheinend stumpfte einen der Umgang mit Geisteskranken, im Hinblick auf normale Menschen, ab.

„Es gab nicht weit von hier entfernt einen schrecklichen Unfall und wir wollten wissen, ob ihnen letzte Nacht vielleicht „jemand abhanden gekommen ist.“

Obwohl Jensen nicht gerade „frisch“ aussah, bestach sein charmantes Lächeln schließlich die Nonne und sie gewährte ihnen grummelnd Einlass.

„Kommen sie rein Gentleman, drinnen redet es sich besser.“

Sie führte die beiden in eine minimalistisch eingerichtete Küche, die einen trostlosen Eindruck bot. War ein Patient bei seiner Einlieferung noch nicht depressiv, wurde er es spätestens beim Anblick des Eingangsbereiches. Sie bot ihnen Platz auf unbequem aussehenden Holzstühlen an.

„Danke Schwester“, sagte Jared galant.

„Johanna, ich heiße Johanna junger Mann.“

Schnaufend wie ein altes Dampfross ließ sie sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen. Er knarzte und ächzte bedenklich unter ihrem Gewicht.

„Sie wollten wissen, ob heute Morgen jemand gefehlt hat. Ja, tatsächlich.“

Jensen und Jared wurden hellhörig.

„Der alte Jensen wurde vermisst.“

Jared schenkte seinem Partner, ob der Namensgleichheit, ein dümmliches Grinsen.

„Aber dann haben wir ihn gefunden. In der Waschküche. Er saß hinter dem Wäschetrockner mit einem Stapel Pornos, wer weiß, woher er die wieder hatte und hat sich einen von der Palme gewedelt.“

Beide waren über die Ausdrucksweise von Schwester Johanna, gelinde gesagt, verblüfft.

Trotzdem musste Jared eine spitze Bemerkung fallen lassen, „kein Wunder, dass du so mitgenommen aussiehst Alter“, raunte er seinem Partner ins Ohr.

Der trat ihm dafür recht unsanft gegen das Schienbein.

„Autsch“, entfuhr es Jared.

„Was’n los?“ fragte die Nonne neugierig.

„Alte Sportverletzung“, log er und schenkte Jensen einen bitterbösen Blick.

„Wir haben ihn seine Sauerei wegmachen lassen, Strafe muss sein. Dann haben wir ihm die Heftchen abgenommen und ihn auf sein Zimmer gesperrt“, fuhr sie fort, „ich denke, das war mal wieder das Highlight des Tages.“

Sie betrachtete Jareds muskulösen Körper. Unter seiner Jacke trug er ein hautenges schwarzes T-Shirt, das seinen wohlgeformten Oberkörper betonte.

„Wenn sie wollen, könnte ich sie massieren Mr. Ebony“, ihre Schweinsäuglein bekamen, zu Jareds Entsetzen, einen lüsternen Ausdruck, „ich bin ziemlich gut darin. Hab ne Ausbildung dafür.“

Schon war sie dabei ihre Ärmel aufzurollen.

„Lassen sie ruhig Schwester Johanna, ich geh heut noch zum Arzt und hole mir eine Spritze. Wirklich.“

„Sie wissen nicht was sie versäumen, Detective.“

Oh doch, dachte Jared, oh doch. Ihre Konversation wurde von einem leisen Schnarchen unterbrochen.

Ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich sofort auf Jensen. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, sein Mund stand leicht offen und der Sabber lief ihm heraus.

„Säuft er?“ fragte die Nonne, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.

„Nein, er ist nur gerade Papa geworden. Sie wissen doch – oder nein sie wissen nicht – hach ist doch egal, jedenfalls hält ihn der kleine Racker ganz schön auf Trab“, Jared war der König der Lügner.

Aber Kleinkinder kamen immer gut an, im Gegensatz zu keifenden Ex-Frauen.

Er wandte sich wieder Schwester Johanna zu, „ist ihnen vielleicht sonst irgendetwas Merkwürdiges heute Nacht aufgefallen?“ hakte er nach.

Sie schüttelte bedauernd den Kopf, „leider Detective.“

Jensens Schnarchen wurde lauter. Jared trat ihm nun, als Revanche von vorhin, gegen sein Schienbein.

Jensens Kopf ruckte, mit halbgeöffneten Augen, hoch.

„Was? Wie? Ja dann.“

Er war völlig daneben.

Plötzlich spürte er die feuchte Spur, die sein Kinn entlang lief, kramte, mit hochrotem Kopf, umständlich ein Taschentuch hervor und wischte sich den Mund.

„Tschuldigung Ma’am“, sagte er.

„Keine Ursache junger Mann. Als frischgebackener Daddy steht ihnen das zu.“

Ihr Gesicht drückte vollstes Verständnis aus. Während Jensen seinen Ohren nicht traute und Jared mit großen Augen ansah.

„Ja, er und sein kleiner Hosenscheißer sind jetzt schon ein Herz und eine Seele. Mama hat da das Nachsehen. Nicht wahr?“

Jensens Gesichtsausdruck sagte Jared nur eines: Du musst nen Sprung in der Schüssel haben.

„Ich denke wir sollten jetzt gehen“, Jensen erhob sich, Jared folgte.

Beim Hinausgehen scharwenzelte Schwester Johanna auffällig um Jared herum.

Und beim Öffnen der Tür meinte sie, „die Massage steht, sie großer kräftiger Mann.“

Dann drückte sie noch kurz seinen Oberarm.

„Yikes“, sagte Jared, als sie im Wagen saßen und er den Motor anließ.

„Ich hab wohl den entscheidenden Part des Gespräches verpennt Bruder. Jedenfalls könnt ich schwören du hast ein neues Groupie. Ein richtig pfundiges sogar“, zog Jensen seine Partner auf.

„Frauen stehen halt lieber auf knackige Kerle und nicht auf sabbernde Daddys“, gab dieser prompt zurück.

„Was sollte eigentlich diese Daddy Nummer Jared?“

„Besser, als ich hätte ihr erzählt, dass dich deine Ex-Frau noch immer als ihren Leibeigenen betrachtet.“

Ein Funkspruch unterbrach ihre Konversation.

„Omega 1 an Omega 12 bitte kommen.“

Jensen griff zum Funkgerät, da sich Jared auf das Einfädeln in den fließenden Verkehr konzentrierte.

„Hier Omega 12, was gibt’s?

„Eine Nachricht von Dr. Warren, die Autopsie fängt in zwei Stunden an. Jemand von ihnen sollte anwesend sein, Omega 1 over und out.“

„Verstanden, Omega 12 over und out.“

Völlig erschöpft rieb sich Jensen das Gesicht, „Mann ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Und jetzt das. Ich will nach Hause“, beinahe hätte man denken können, Jensen würde anfangen zu flennen.

Jared warf einen kurzen Seitenblick auf ihn, „hey Kumpel, keine Panik. Ich bring dich einfach heim, du schnarchst ein paar Runden und ich geh und bezirze Dr. Warren weiter. Du würdest dabei ohnehin nur stören.“

„Unser Psychologe würde sagen, dein Charakter weißt leicht nekrophile Züge auf. Liebesgeflüster im Leichenschauhaus, meinst du das kommt gut?“ Jensen schenkte ihm ein müdes dankbares Lächeln.

„Vielleicht steht sie ja auf morbides Zeug“, Jared warf einen kurzen Blick über seine Schulter und wechselte die Spur.

Dann fuhren sie zu Jensens Apartment.

„Danke fürs Bringen“, sagte er zu Jared und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Vor drei Uhr nachmittags brauchst du gar nicht erst auftauchen Ice. Hörst du?“

Jensen nickte müde und schleppte sich zu seiner Eingangstür. Zweimal fielen ihm die Schlüssel aus der Hand. Er schlief echt schon im Stehen. Jensen öffnete die Tür, schloss sie wieder und schob zwei Riegel vor.

Dann kickte er die Schuhe von seinen Füßen und verteilte den Rest seiner Klamotten irgendwie in der Wohnung. Es sah aus, wie in einem Saustall. Jared hatte Recht, Jensen Ivory war auf dem besten Weg nach unten. Er nahm sich vor, demnächst eine Putzfrau zu engagieren und endlich klar Schiff zu machen, dann würde er einen Vaterschaftstest beantragen und seine Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen.

„Meine guten Vorsätze fürs neue Jahr“, seufzte er und fiel, lediglich mit einer Boxershort bekleidet, aufs Bett, zog sich die Decke über den Kopf und versank augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Nicht einmal eine Explosion hätte ihn wecken können.

Jared fand sich zur vereinbarten Zeit im Leichenschauhaus ein. Es war üblich, dass einer der Beamten, die mit dem Fall betraut waren, bei der Obduktion anwesend sein musste. Jared zog sich den Einwegkittel, die Überschuhe und den Mundschutz an. Vorher rieb er sich noch ein wenig von der Mentholsalbe, die auf dem Tisch zur freien Verfügung stand, unter die Nase.

Damit galt er eindeutig als Weichei, denn die harten Jungs brauchten das Zeug nicht. Es ging nichts über eine gesunde Prise Verwesungsgeruch. Danke, Jared konnte liebend gern darauf verzichten.

Dr. Warren und ihr Assistent Bibo, ein Inder, waren gerade dabei die Leiche des jungen Mädchens aus dem Sack zu nehmen und sie auf den kalten Stahltisch zu legen.

„Armes Ding“, sagte Dr. Warren, „was haben sie dir nur angetan?“

Es war eine Eigenart von ihr mit den Toten zu kommunizieren. Auf der einen Seite waren sie Objekte für sie, doch auf der anderen hatte niemand einen gewaltsamen Tod verdient.

„Hallo Dr. Warren“, grüßte Jared.

„Wo ist denn Ivory abgeblieben?“ wollte sie wissen.

„Den hab ich nach Hause geschickt, er hat seit mehr als dreißig Stunden nicht mehr geschlafen. Das Risiko, dass er sich hier irgendwo auf eine Bahre schmeißt, einpennt und obduziert wird, war mir zu hoch.“

Dr. Warren musste lächeln, „schön, wenn man Freunde hat. Treten sie näher, die Show kann beginnen“, sagte sie.

Hach, er liebte sie für ihr sonniges Gemüt. Zuerst stellte Dr. Warren die äußeren Verletzungen fest. Jede Menge Fachausdrücke flogen Jared um die Ohren, einige davon kannte er, andere hatte er noch nie zuvor gehört.

Bibo half ihr beim Entkleiden der unbekannten Toten. Dann suchte er in den Taschen nach einem Ausweis. Vergebens. Nur die kleine goldene Münze fiel ihm in die Hände.

„Kein Ausweis Detective. Somit haben wir hier eine Jane Doe liegen.“

Jared nickte stumm.

Akribisch suchte Dr. Warren jeden Millimeter des leblosen Körpers ab und packte Fasern, Pflanzenreste und so weiter in separate Beutel, die sie nummerierte.

„Die gehen ins Labor Bibo, wie immer.“

Sie legte alles fein säuberlich auf ein Tablett. Anschließend begann sie mit jenem Teil, auf den Jared sich gar nicht freute. Sie setzte zum Y-Schnitt an. Der Schnitt geht rechts und links von den Schlüsselbeinen zur Mitte des Brustkorbes und von da runter bis zum Schambein.

Danach nahm sie jedes Organ heraus, überprüfte es auf augenscheinliche Anomalien und wog es ab. Nebenher kommentierte sie ihr Tun in knappen präzisen Sätzen. Zum Flirten, wie er gehofft hatte, kam Jared nicht. Dr. Warren ging ganz in ihrer Arbeit auf.

„Weibliche Weiße, zwischen zwanzig und dreißig Jahren, naturblond. Vermutliche Todesursache Verkehrsunfall. Ich muss auch noch einige Tests durchführen. Meinen Abschlussbericht bekommen sie in den nächsten Tagen.“

Damit war Jared entlassen. Sehr zu seinem Bedauern.

Zwei Stunden später nähte sie die Leiche wieder zu. In Bezug auf die Unfalltheorie war sie im Laufe der Autopsie auf einige Ungereimtheiten gestoßen. Das würde den Detectives gar nicht schmecken. Mit verbissenem Gesichtsausdruck ging sie hinaus. Die Spuren waren gesichert und Bibo oblag es nun die Leiche zu waschen und in eines der Fächer zu schieben. tbc

Posted on: 1/11 20:55
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Kapitel 3
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Als putzmunter und ausgeruht konnte sich Jensen selbst nach mehr als 12 Stunden Schlaf nicht bezeichnen. Er sah dreimal auf die Uhr, weil er es für unmöglich hielt, dass ein Mensch so lange schlafen konnte. Jared hatte Wort gehalten und ihn nicht angerufen. Wenigstens auf ihn war Verlass.

Mit hängenden Schultern schleifte sich Jensen ins Bad und stellte die Dusche an. Das heiße Wasser tat gut. Nach zehn Minuten war er damit fertig, stieg aus der Duschkabine und stellte sich vor den Spiegel, um sich zu rasieren. Er erschrak regelrecht über seinen Anblick und wünschte sich eine Frau zu sein. Die konnte sich die dunklen Ringe unter den Augen wenigstens wegschminken. Er griff zur Zahnpasta-Tube und quetschte den kläglichen Rest heraus, dabei brach er sich beinahe die Finger.

Dem Geschmack nach, hatte er eine Wasserleiche verspeist. Nach der kläglichen Mundhygiene, ging’s ans Rasieren. Er öffnete den Spiegelschrank. Darin sah es genau so chaotisch aus, wie in seinem Kopf. Grummelnd griff er zum Rasierer.

Punkt neun stand er im Büro auf der Matte. Jared blieb beim Anblick seines Partners der Karottensaft im Hals stecken.

„Du könntest als Sohn eines Juweliers durchgehen, mit so vielen Ringen unter den Augen und erst dein Kinn! Hat dich ein Blinder rasiert?“

„Klappe zu Jared, es zieht hier schon genug!“ erwiderte Jensen mürrisch.

Da kam auch schon ihr Chef angerauscht Ethan O’Rourke.

„Meine Herren“, dabei deutete er auf Ivory und Ebony, „folgen sie mir bitte, wir haben ein paar neue Erkenntnisse im Mordfall Jane Doe.“

Oh Gott, wie Jensen es hasste auf nüchternen Magen mit den Ergebnissen einer Morduntersuchung konfrontiert zu werden. Er hätte dringend einen Koffeinschub gebraucht. Jareds Gemüsesäfte waren nichts für ihn. Er wäre sicher aufgrund des plötzlichen Vitaminschubs ins Koma gefallen.

„Detective Ivory, hätten sie die Freundlichkeit, wenigstens körperlich bei der Besprechung anwesend zu sein, wenn es sie geistig derzeit überfordert?“ sagte O’Rourke laut, da er die Tür seines Büros schon länger, als gewollt, für ihn aufhielt.

„Sorry“, murmelte Jensen und folgte ihnen.

„Bitte nehmen sie Platz. Ivory sie sehen beschissen aus“, stellte sein Chef trocken fest, „wenn sie wollen organisiere ich ihnen einen Termin bei Hollender.“

Jensen saß sofort aufrecht und versuchte aufmerksam zu wirken. Hollender war der Letzte den er sehen wollte. Er war jener Mann, zu dem ein Bulle nach einer undurchsichtigen Schießerei oder sonstigen unglücklichen Ereignissen mit Todesfolge, geschickt wurde.

Jensen hatte erst einmal mit ihm zu tun gehabt, nach dem Tod seiner Partnerin Helen, vor ein paar Jahren. Damals schon war ihm dieser Kerl wie ein Klon von Hannibal Lecter vorgekommen. Er konnte auf eine erneute unheimliche Begegnung dieser Art verzichten.

„Nein Sir, danke kein Bedarf. Jared ist gerade dabei mich zu therapieren. Wie sie sehen wirkt es schon. Ich bin rasiert und meine Klamotten sind auch sauber.“

„Schön, dann hätten wir das besprochen“, O’Rourke griff nach dem Bericht der Gerichtsmedizin.

Währenddessen stieß Jared seinen Partner unter dem Tisch an und formte mit seinen Lippen die Wörter: "Fuck you."

Jensen nickte ihm lächelnd zu.

„Also“, der Chief erhob seine Stimme, „Jane Doe dürfte keinen leichten Tod gehabt haben. Erstens weist sie Zeichen einer Vergewaltigung auf und dann gibt es Verletzungen, die eindeutig nicht von einem Unfall herrühren können. Hier lesen sie selbst.“

Er reichte den beiden je eine Kopie, des Autopsie Berichtes. Sie lasen ihn schweigend durch. Jensen musste hin und wieder seine Augen zusammenkneifen, da die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen. Der Besuch beim Augenarzt war auch schon lange überfällig.

Laut dem Bericht waren bei dem Mädchen Kratzspuren an Armen und Beinen gefunden worden sowie Hautreste unter ihren Nägeln. Sie muss sich mit Händen und Füßen gegen jemanden gewehrt haben. Auch waren Spuren von Erde und anderem Grünzeugs an Kleidung, Haaren und Haut nachgewiesen worden.

Jared und Jensen schlossen daraus, dass das Mädchen von ihrem Verfolger durch den Wald gehetzt worden und beim Versuch den Freeway zu überqueren, unter die Räder mehrerer Fahrzeuge gekommen war.

„Das arme Ding“, sagte Jared erschüttert.

Jensen legte seine Kopie wortlos auf den Tisch des Chiefs zurück.

O’Rourke kramte kurz in seinem Schreibtisch und warf einen durchsichtigen Beweismittelbeutel auf den Tisch, „das hier befand sich in ihrer linken Hand.“

Jared wollte danach greifen, doch Jensen kam ihm zuvor. Aus seinem, ohnehin, blassen Gesicht, wich nun endgültig die letzte Farbe.

„Kommt ihnen das bekannt vor?“ hakte der Chief nach, der ebenso wie Jared, Jensens Reaktion beobachtet hatte. Düstere Erinnerungen tauchten aus den Tiefen seines Gehirns empor. Die ungefähr 20 Zentimeter lange Narbe, die sich in Höhe des Rippenbogens nach hinten zog begann zu schmerzen. Er schien das Messer wieder auf der Haut zu spüren und hörte Helens gellende Schreie.

„Wann haben sie dieses Arschloch raus gelassen?“ schnappte Jensen unvermittelt.

„Gar nicht Ivory, wo denken sie hin. Der Immortal Ripper sitzt nach wie vor in San Quentin!“

Jared verstand im Augenblick kein Wort, nervös blickte er zwischen seinem Partner und dem Chief hin und her.

„Und von wo stammt dann diese Münze? Das muss er sein. Wir haben dieses Detail der Presse verschwiegen, es ist nie von uns erwähnt worden, nirgends. Die linke Hand, mit der Münze und dem Drachen darauf.“

Jensens Brustkorb hob und senkte sich heftig. Am liebsten hätte er laut geschrieen.

„Kann mich vielleicht jemand updaten oder muss ich erst runter ins Archiv?“ warf Jared angesäuert ein.

„Es geht um einen alten Fall“, begann der Chief. Jensen hob die Hand und gebot ihm Einhalt, „lassen sie nur, ich erzähl es ihm, später. Haben sie sonst noch was in der Hinterhand, oder sind wir entlassen?“

Jared meinte die Spannung, die in der Luft lag, förmlich zu spüren. Jedenfalls war er heilfroh, dass sie der Chief ohne weiteres entließ.

„Ich brauch erst mal ein anständiges Frühstück“, sagte Jensen gereizt, „lass uns ins Shelbys gehen.“

Nachdem er eine große Portion Rührei mit Speck und ungefähr einen halben Liter schwarzen Kaffee intus hatte, nahm er eine bequeme Sitzhaltung ein.

„Also was willst du wissen?“ fragte er Jared.

„Jedenfalls nicht die jugendfreie Version“, gab dieser ernst zurück.

Jensen holte tief Luft.

„Es ist beinahe auf den Tag genau vor sieben Jahren passiert. Helen und ich haben diesen irren Serienkiller gejagt, der meinte ein Dämon aus einer anderen Dimension zu sein.“

„Ich hasse Schizos“, warf Jared ein.

„Die Treibjagd ging quer durchs ganze Land vom Westen nach Osten. Er pflasterte seinen Weg regelrecht mit Leichen. Egal ob Mann oder Frau. Sie waren meistens blutjung. Er hatte eine Vorliebe dafür sie langsam zu Tode zu foltern und ihre Körperteile in einem Umkreis von mehreren Meilen zu verteilen. Einige seiner Opfer blieben für immer verschwunden. Seine Taten wurden immer brutaler“, Jensen nahm einen Schluck vom Kaffee, weil sich seine Kehle ausgetrocknet anfühlte.

Jared war nicht entgangen, dass die Hände seines Partners leicht zitterten.

„Eines seiner Opfer schaffte es mit viel Glück und unter Verlust eines Ohrs, ihm zu entkommen. So kamen wir ihm schließlich auf die Spur. Damals hatte ich noch nicht soviel Erfahrung mit solchen Typen, ebenso wenig Helen. Wir gingen zu leichtfertig an die Sache heran, hielten uns für cool. Wir dachten ernsthaft, wir wären schlauer, als der Typ.“

Er lachte verbittert auf, „eines Tages ging er uns in die Falle, denkste. Alles lief glatt, viel zu glatt. Was wir nicht wussten, war, dass er mittlerweile eine kleine Anhängerschaft um sich geschart hatte, so wie einst Manson. Helen und ich liefen ihm buchstäblich ins offene Messer. Es gelang dieser Bestie, uns von unserer Einheit abzuschneiden und uns zu verschleppen. Drei Nächte waren wir in der Gewalt von einem Haufen satanischer Fanatiker, dann erst kam die „Kavallerie“. Für Helen war es zu spät, ich lag anschließend sechs Wochen im Koma, hab einen Teil meiner Lunge eingebüßt, meine Milz und einen Teil meiner Seele“, seine Stimme war zu einem Flüstern geworden.

Jared brauchte seinen Partner nicht nach den schaurigen Details zu fragen, das Grauen in Jensens Gesicht sprach Bände.

„Das tut mir leid“, sagte er tief betroffen, „und du denkst, jemand lässt den Immortal Ripper sozusagen wiederauferstehen? Vielleicht ist es ja einer seiner ehemaligen „Jünger“. Du sagtest zu Beginn deiner Story, die Sache mit dem Mädchen wäre beinahe auf den Tag genau geschehen. Vielleicht zollt ihm jemand seinen Tribut.“

Jensens Unterkiefer mahlte, sein Blick war leer, wie sein Inneres. „Ich weiß nicht, ob es uns damals gelungen ist, die ganze Brut auszuräuchern. Keine Ahnung. Gut möglich, dass da jemand übersehen wurde und jetzt fröhlich „Wiederauferstehung“ feiert. Ich hoffe, wir irren uns und es war nur ein Zufall.“

„Komm schon Ice, wir haben beide vor langer Zeit aufgehört an Zufälle zu glauben. Statten wir Mr. Immortal doch einen Besuch ab. Mal sehen, was er dazu zu sagen hat.“

Jensen fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, „in meiner derzeitigen Verfassung wäre ich ein gefundenes Fressen für ihn. Der Kerl hat einen IQ von 179.“

„Wow, soll mich das etwa beeindrucken?“ entgegnete Jared.

„Ice, ich bin ein krasser Fan von Hannibal Lecter. Ich habe seine Filme quasi studiert. Ich weiß wie der Kerl tickt. Ich…“

„Jared bitte, das hier ist kein Film, das ist Realität. Du hast keine Ahnung, auf was du dich da einlässt“, schnappte Jensen.

„Also das wusste Clarice Starling auch nicht.“

Jared schenkte seinem Partner ein breites Grinsen, „komm schon, du musst diesem Arsch nicht alleine gegenübertreten. Lass mich mit ihm reden. Du brauchst nur dazu sitzen und…“

„Das ist ja das Problem“, fiel ihm Jensen ins Wort, „ich kann dir nicht versprechen, einfach nur da zu sitzen. Vielleicht juckt es mich auch in den Fingern und ich reiß ihm einfach sein Gott verdammtes Herz heraus.“

„Du hast mir nicht alles erzählt, nicht wahr Ice?“ Jareds Stimme wurde sanft und er sah seinem Partner direkt in die Augen.

„Alles was Helen und mir dort zugestoßen ist, bleibt auch dort. Für immer. Das hab ich mir geschworen.“

Jensen schob seinen Sessel geräuschvoll zurück und stand auf. Er wollte nicht das Jared die Tränen in seinen Augen sah.

Als sie kurz darauf im Wagen saßen läutete Jareds Handy.

„Natürlich Trish, ich hab’s nicht vergessen. Nein, versprochen. Ich komm heut Abend zur Party.“

Trish hatte bereits wieder aufgelegt, doch das wusste Jensen nicht, „ob ich was? Ach so, ob ich den heißen Typen mitnehme, von dem ich die ganze Zeit über geschwärmt hab? Ich versuch’s okay? Ich weiß, dass du ihn kennen lernen willst. Ja, ich sag ihm, dass du der heißeste Feger auf dem ganzen Planeten bist. Ciao Baby.“

Jared stellte das Radio an. Sie spielten gerade „Buttons“ von den Pussycat Dolls.

Jared bewegte seinen Oberkörper im Rhythmus dazu und sang dann mit viel zu hoher Stimme den Part der Leadsängerin.

„Hast du zu enge Hosen an oder wirst du gerade von einem spastischen Anfall geschüttelt?“ feixte Jensen, der froh war, das Jared nicht weiter in ihn gedrungen war und jetzt wieder mal den Clown für ihn spielte, wie schon so oft in den vergangenen Wochen.

Jared hatte das Verdeck seines Ferraris zurückgeklappt, der Wagen war eine sündteure Sonderanfertigung, als sie bei einer roten Ampel zum Stehen kamen. Der Bass wummerte, „loosing up my buttons babe, loosing up ..ö.“, sang Jared unbeirrt weiter.

Die hüsche Brunette, die im Wagen neben ihnen saß, kringelte sich vor Lachen und warf ihnen beim wegfahren Kusshändchen zu. Jared winkte zurück und auch Jensen ließ sich zu einem Augenzwinkern hinreißen.

„Ich liebe mein Baby“, strahlte Jared und küsste das lederbezogene Lenkrad.

„Weißt du was Jensen. Ich geh heute Abend auf ne Party. Dort gibt’s willige Bräute en mass. Und DU wirst mit mir kommen.“

Jensen wollte Einspruch erheben.

„Nein, keine Ausreden. Du bist mir noch einen Gefallen schuldig, wegen den Konzertkarten für Christina Aguilera. Ich hab dir gesagt, ich will dein Geld nicht, dafür ne kleine Gegenleistung und DIE fordere ich jetzt ein.“

„Oh Gott, ich hab meine Seele dem Teufel verkauft“, stöhnte Jensen laut auf.

Insgeheim freute er sich aber über Jareds Zwangseinladung. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, wann er sich zuletzt wirklich amüsiert hatte. tbc

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Kapitel 4
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Auf der Party, zu der Jensen von Jared quasi verschleppt worden war, tummelte sich halb Hollywood. Ob Sternchen oder Star, jeder war dort, um gesehen zu werden. Die beiden hatten sich ordentlich in Schale geworfen. Damit sich sein Partner nicht heimlich aus dem Staub machen konnte, klebte Jared ihm förmlich an den Hacken.

„Willst du nicht gleich die Handschellen rausholen und uns aneinander ketten?“ murmelte Jensen genervt.

Jared quittierte diese Bemerkung, in dem er beide Mundwinkel für den Bruchteil einer Sekunde nach oben zog. Dann erblickte er eine wohlgeformte Blondine und stürzte sich förmlich auf sie.

„Hallo meine Schöne, ich bin Jared, merk dir meinen Namen, du wirst ihn heute Nacht noch schreien.“

Indigniert wandte sich die kühle Blonde von im ab.

Jensen verdrehte die Augen und zog Jared mit sich, „Mann bist du peinlich. Merk dir meinen Namen“, äffte er ihn nach, „was soll der Scheiß?!“

„Manchen Frauen gefällt der Spruch, ehrlich“, gluckste Jared und nahm dem Kellner, der ein Tablett mit Champagnergläsern trug, zwei davon ab.

„Die Frau, die auf so einen Spruch abfährt, muss den IQ einer Kloschüssel haben“, schnappte Jensen und trank einen Schluck.

„Sie braucht nicht viel im Hirn, Hauptsache sie…“

„Keine Perversitäten Jared, danke“, schnitt ihm Jensen das Wort ab.

Die Musik wechselte. Jared stellte sein Glas am nächst besten Tisch ab und zog seinen Partner mit sich. Der sträubte sich wie wild, „hey, was ist? Wo willst du mit mir hin.“

„WIR gehen jetzt einen abzappeln“, sagte Jared fröhlich.

„WIR gehen ab jetzt getrennte Wege“, Jensen entzog sich seinem Griff, „zapple mal alleine vor dich hin. Ich mach mich sicher nicht zum Gespött der Leute.“

Jared zuckte kurz mit den Schultern und warf sich ins Getümmel. Die Tanzfläche war ohnehin brechend voll. Im Grunde genommen brauchte man sich nur hinstellen, die anderen schoben einen dann schon irgendwohin.

Jensen lehnte lässig an der Wand und ließ seinen Blick durch die Menge schweifen. Der Rhythmus war so mitreißend, dass Jensen im Takt dazu mit dem rechten Fuß wippte.

„Lust zu tanzen“, fragte eine Frau mit sexy Stimme hinter ihm.

Er fuhr herum und hätte dabei beinahe den Champagner verschüttet.

„Meinen sie mich?“ fragte er perplex.

„Nein, den Kerl hinter ihnen“, Jensen drehte sich um, da war niemand. Die dunkle Schönheit reichte ihm die Hand, „hallo ich bin Trish und sie sind?“

Jensen klappte seinen Mund ein paar Mal auf und zu, wie ein Fisch auf dem Trockenen, bevor er einen brauchbaren Ton herausbrachte, „Jensen Ivory, Jareds Kollege.“

Trish zog eine Augenbraue in die Höhe und musterte ihn unverhohlen, „ein schönes Stück Weißbrot muss ich schon sagen. Schnieke Klamotten, die sie da anhaben.“

„Ähm ja“, er wurde sichtlich verlegen, „war das jetzt ein Kompliment?“

Sie lachte lauthals, „also sie haben es echt drauf Mann. Und der Oscar geht an Mr. Ivory, für seine glänzende Darstellung des unterbelichteten Cops.“

Sie bog sich förmlich vor Lachen. Jensen hingegen war elendig zumute.

Als sie seinen verzweifelten Gesichtsausdruck bemerkte hielt sie augenblicklich inne, „sie spielen gar nicht, ich meine“, sie räusperte sich, „Verzeihung. Sie kommen wohl nicht viel unter Leute?“

Er leerte sein Glas mit einem Zug, „ehrlich gesagt, nein. Jared hat mich unter Androhung von Gewalt hierher gezerrt.“

Er schenkte ihr einen Dackelblick. Die Musik wechselte erneut, jetzt spielten sie ein langsames Stück.

Jensen fühlte sich, als würde er in flüssiger Schokolade ertrinken, als sie ihm tief in die Augen sah und ihn fragte, „darf ich sie um diesen Tanz bitten?“

Er holte tief Luft und stimmte zu.

Hand in Hand gingen sie auf die Tanzfläche. Trish schmiegte sich eng an ihn. Sie duftete herrlich nach Kokos mit einem Hauch Mandeln. Sein Körper reagierte augenblicklich.

Grinsend hob sie den Kopf, „allzeit bereit, die Herren vom LAPD. Entweder sie haben eine gewaltige Stablampe in ihrer Hose oder sie freuen sich unheimlich darüber mit mir zu tanzen.“

„Wir vom LAPD sind stets um die Bevölkerung bemüht und ja, ich freu mich über diesen Tanz“, entgegnete er augenzwinkernd.

Sie kicherte und schmiegte ihr Gesicht noch enger an seine Brust. Die Blonde schien tatsächlich auf Jareds Spruch von vorhin abgefahren zu sein, denn schon lag sie in seinen Armen.

Geschickt manövrierte er sich mit ihr durch die Menge und stand plötzlich neben Jensen, „schwarz auf weiß kommt verdammt gut“, raunte er seinem Partner ins Ohr.

„Meine Faust in deinem Gesicht auch“, gab er lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen zurück.

„Böser, böser Junge“, unkte Jared und zog mit seiner Begleitung davon.

„Was wollte er?“ fragte Trish neugierig.

„Seine pubertäre Neugier befriedigen“, antwortete er mit einem Schmunzeln.

Das Lied endete und die Musik wurde wieder schneller.

„Bleiben sie doch noch“, bat ihn Trish.

„Ich würde sie nur ungern blamieren“, Jensen gab ihr einen Handkuss und verzog sich zu seinem Platz an der Wand.

Er wusste, sie würde nicht lange alleine bleiben und er hatte Recht damit.

Immer wieder suchten einige Damen Augenkontakt mit Jensen. Er war sich sicher, wenn er es darauf anlegen würde, ginge er heute Abend nicht alleine nach Hause. Beschloss jedoch, es beim Flirten zu belassen.

Irgendwann, zu fortgeschrittener Stunde, kam Jared bei ihm vorbei.

„Wirklich Ice, als Stimmungsmacher auf ner Leichenfeier wärst du erste Sahne. Als Animeuse auf nem Kreuzschiff würden sie dich unter Garantie von Bord schubsen. Was bitte, ist denn so schwer daran, sich mal zu amüsieren?“

Jensen schüttelte lächelnd seinen Kopf, „aber Jared Baby, ich amüsier mich doch prima.“

„Ich verstehe, auch Selbstgespräche brauchen einen intelligenten Partner“, grinste Jared.

„Nein, wirklich, ich finde die Party klasse und die Mädels auch, ich bin nur etwas – wie soll ich sagen – aus der Übung.“

„Ich weiß“, wiegelte Jared ab, „du bist ja so was von energiegeladen, dagegen ist ja ein Glühwürmchen die reinste Flutlichtanlage. Fang endlich an zu Leben Mann. Wenn du mal vier Meter unter Grund liegst, ist es zu spät.“

Ausgerechnet Blondie rettete Jensen vor Jareds weiteren Moralpredigten.

Sie kam, mit schwerer Schlagseite, auf sie zugewankt, „komm – hicks - schon Schnuffel – hicks -, sie – hicks - schpielen unser Lied.“

Sie hängte sich an Jared, als wäre sie eine Ertrinkende.

Da entdeckte sie Jensen, „aber hallo – hicks – was’n DAS – hicks? Willst du – hicks – mir dieschen – hicks – niedlichen Schentlemän – hicks – nicht vorschtellen?“

„Jensen Ivory, mein Partner“, sagte er und wedelte sich die Alkoholfahne aus dem Gesicht.

„Ebony und Ivory – hicks?! Jetscht vergackeiert ihr misch aber – hicks?“ sie brach in hysterisches Gelächter aus, „dasch is ja saukomisch – hicks.“

Einige Gäste drehten interessiert die Köpfe.

„Ich denke, du solltest die Platinblöde nach Hause bringen“, feixte Jensen.

„Nach Hause – hicks? Ich will nich nach Hause – hicks!“ protestierte sie lautstark.

Die Blonde hatte sich inzwischen regelrecht an Jared festgekrallt. Dieser sah hilfesuchend zu seinem Partner.

„Tut mir leid“, sagte Jensen nonchalant, „du wolltest doch, dass sie heute Nacht noch deinen Namen schreit. Das hast du jetzt davon.“

Er wandte sich von den beiden ab und marschierte direkt auf den Ausgang zu.

„Aber Ice, bitte“, hörte er Jared flehen.

Jensen hob kurz die Hand zum Gruß, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am nächsten Morgen war er, zur Abwechslung, mal der erste im Büro. Gut gelaunt goss er sich einen Becher frisch gebrühten Kaffee ein. Jared kam eine halbe Stunde später. Dass er seine dunklen Ray Ban Sonnenbrillen nicht abnahm, sprach Bände.

„Hast dir wohl noch genügend Mut antrinken müssen?“ neckte ihn Jensen.

Jared hielt sich die Ohren zu, „bitte, nicht so laut. Wo sind meine Aspirin?“ er durchwühlte seine Schubladen, jedes Mal, wenn er eine schloss, zuckte er zusammen.

„War eine verdammt kurze Nacht, was?“ Jensen grinste von einem Ohr zum anderen, „wie war denn die Blonde?“

„Welche Blonde, ich bin zwischen zwei Kerlen aufgewacht.“

Jensen verschluckte sich an seinem heißen Kaffee.

„War doch nur ein Scherz Bruder“, jetzt war es Jared, der sich ein dümmliches Grinsen nicht verkneifen konnte, „die Blonde ist mir irgendwann abhanden gekommen. Dafür bin ich zwischen Trishs Brüsten aufgewacht. Herrlich. Nur die paar Tequilas zum Abschied hätt ich nicht trinken sollen.“

„Ivory, Ebony, sofort in mein Büro!“ rief der Chief.

„Oh Gott, lass mich unsichtbar werden“, meinte Jared und tat so, als würde er unter den Tisch kriechen.

Dabei entkam ihm ein Furz.

„Löblich Ebony, aber es ist nicht notwendig, mich mit ner Fanfare zu begrüßen“, meinte der Chief locker, da er gerade bei ihm vorbeigegangen war.

„Nein Gott, lass mich sterben“, wünschte sich Jared.

Das halbe Büro bog sich vor Lachen. Jensen schob seinen Partner sanft in das Büro des Chiefs.

„Guten Morgen meine Herren. Ebony sind wir heute inkognito unterwegs?“

„Nein Sir, natürlich nicht“, grummelte er und nahm die Brille ab.

„Ich habe für sie beide einen Termin in San Quentin vereinbart. Sie werden Liam Triscal alias Immortal Ripper einen kleinen Besuch abstatten.“

Jensen sprang auf, „wann?“

„Heute Nachmittag“, der Ton des Chiefs duldete keine Widerrede.

„Aber das können sie nicht machen, wir sind absolut nicht darauf vorbereitet und …“

„Auf was bitteschön wollen sie sich vorbereiten?“ unterbrach in der Chief ungehalten, „sie informieren Ivory auf dem Weg ins Gefängnis über die nötigen“, er warf ihnen einen Aktenordner rüber, „hier drin finden sie alles was sie brauchen. Danke, das war’s.“

Jensen wusste, dass es keinen Sinn hatte, Einspruch gegen die Entscheidung des Chiefs zu erheben. Er duldete das prinzipiell nicht.

„Ich hätte mich gestern besser auch vollaufen lassen sollen“, wütend ließ sich Jensen in seinen Stuhl fallen, „was stellt der Chief sich vor?“

Er zog einen Flunsch.

„Komm schon Ice. Wir spazieren dort rein, stellen Mr. Immortal ein paar Fragen und machen gleich wieder die Mücke.“

„So einfach ist das nicht“, entgegnete Jensen, der beide Hände an den Fingerspitzen zusammengelegt hatte und gegen seinen Mund gepresst hielt.

Jared griff sich an seine Stirn, „ach ja, ich vergaß …. Der Hannibal-Lecter-Faktor. Mach dir mal nicht ins Hemd. Ich hab nen Kater, da bin ich sowieso nicht gut drauf und wenn er tatsächlich meint, Hannibal heraushängen lassen zu müssen, zeig ich ihm mal wo er sich seine Allüren hinstecken kann.“

Während Jared sich die Akte krallte und sie mit zusammengekniffenen Augen studierte, hing Jensen düsteren Gedanken nach. Der Tag war auf jeden Fall für ihn gelaufen. tbc

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Kapitel 5
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San Quentin war irgendwie beeindruckend, monströs und Furcht einflößend zugleich, wie jedes Gefängnis dieser Größenordnung. Als sich die großen stählernen Tore hinter Jensen und Jared mit einem dumpfen Geräusch schlossen, machte sich bei beiden ein mulmiges Gefühl breit. Der Wärter nickte nur finster, als sie ihre Ausweise vorzeigten und die Waffen abgaben. Dann kam ein anderer hinzu und geleitete sie in den Hochsicherheitstrakt.

„Nettes Fleckchen, um den Rest seines Lebens hier zu verbringen“, flüsterte Jared, seine Stimme troff vor Sarkasmus.

„Dann kannst du dir ja ungefähr vorstellen wie es Mr. Triscal geht“, entgegnete Jensen ebenso leise, „immerhin hat er acht Mal lebenslänglich bekommen.“

Wortlos öffnete der Wärter die nächste Tür und ließ ihnen den Vortritt. Jensen hatte irgendwann einmal aufgehört zu zählen, durch wie viele vergitterte Abschnitte sie geschleust worden waren.

„Da wären wir“, sagte der Aufseher schließlich. Sie betraten einen Raum, der trostloser nicht sein konnte.

Die Wände waren aus grauem Beton. Sowohl der Tisch, als auch die beiden Stühle waren fix im Boden verankert. Jensen zuckte unmerklich zusammen, als die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes aufging. Nicht ganz ohne Schadenfreude musste er feststellen, dass selbst an Triscal die Jahre nicht spurlos vorbei gegangen waren. Sein einst volles schwarzes Haar, hatte sich gelichtet und war von vielen grauen Strähnen durchzogen. Auch trug er es jetzt schulterlang. Seine Hände und Füße waren gefesselt. Deshalb konnte er auch nur ganz kleine Schritte machen. Als er Jensen erblickte hellte sich seine leichenbitter Miene augenblicklich auf. Der Beamte, der ihn begleitete, fixierte Triscals Hände mit den Handschellen an den Ösen, die dafür eigens am Tisch angebracht waren. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Nun waren sie nur noch zu dritt.

„Na Ivory hat man dir nen Playboy an die Seite gestellt? Richtige Polizisten sind ihnen wohl zu kostbar? Teure Schlitten, Lofts und Koks, tz", abfällig musterte der Gefangene Jensens Partner. Jared blieb ungerührt, ob dieser beleidigenden Worte.

„So ein Abstieg“, fuhr Triscal ungerührt fort, „kein Vergleich zur guten Helen, nicht wahr? Helen, mit einer Haut wie ein frischer Pfirsich, mmmhhhhh“, begann er zu schwärmen und schloss dabei die Augen.

Zuviel für Jensen, er tickte aus. Er hielt seinen Kopf ganz dicht an den von Triscal, sein Körper bebte vor Wut, „nimm ihren Namen, NIE WIEDER in deinen dreckigen Mund. Hörst du, NIE WIEDER!“

„Aber, aber Ivory“, entgegnete der Gefangene gelassen, „ich hab noch ganz andere Dinge von ihr im Mund gehabt und die haben köstlich geschmeckt.“

Jensens Gesicht lief dunkelrot an, er suchte Halt an der Tischkante, um ihm nicht an die Gurgel zu gehen.

„Und sie haben sie doch auch gekostet, nicht wahr? So süß das Blut…..“

Jared entschied sich einzugreifen und knallte mit Faust auf den Tisch. Das riss Jensen zurück in die Realität und ließ Triscal verstummen.

„Nächstes Mal ist es dein Nasenbein, Arschgesicht“, fuhr er ihn an.

„Mit sowas wie dir rede ich nicht“, schnappte Triscal und wandte angeekelt seinen Kopf zur Seite.

„Dann hast du wohl heute die Arschkarte gezogen“, spöttelte Jared und warf einen kurzen Seitenblick auf Jensen.

Der stand nach wie vor neben sich. Am liebsten hätte er ihn hinausgeschickt. Doch die Genugtuung wollte er Triscal nicht geben.

Jared setzte sich auf den leeren Stuhl und bedeutete Jensen ein paar Schritte nach hinten zu gehen.

„Mal sehen, welche überzeugenden Argumente mir einfallen, damit du doch ein wenig mit mir plauderst. Von Clan Bruder zu Clan Bruder, du verstehst?“

Triscal hielt seinen Blick noch immer gesenkt, „ich rede nur mit Ivory, dass das klar ist“, sagte er bestimmend.

Jeder Muskel in Jensens Körper spannte sich. Jared griff ihm, unbemerkt von Triscal, an sein Bein und gebot ihm somit Einhalt.

„Das ist ja ganz was neues, Mr. Kotzbrocken denkt doch tatsächlich, er könne hier den Takt vorgeben“, gab Jared kopfschüttelnd zurück.

Dann sog er hörbar Atem ein, „noch einmal zum mitschreiben, ach so, du kannst ja nicht. Deine Patschehändchen hängen ja fest. Was für ein Pech, na egal. ICH stell DIR jetzt ein paar Fragen und DU wirst sie mir beantworten.“

Triscal verfiel in hysterisches Gelächter.

Ein Beamter kam zur Tür herein, doch Jensen bedeutete ihm, dass alles in Ordnung sei.

„Ivory oder niemand“, beharrte Triscal.

„Ich könnte dafür sorgen, dass dein Aufenthalt hier wesentlich ungemütlicher werden könnte als bisher“, sagte Jared und wischte sich ein imaginäres Staubkorn vom Revers, „ich mein, es gibt hier einige, die dir sicher gerne ins Leben steigen würden, capice?“

Triscal hob endlich den Kopf und sah Jared in die Augen. Der eiskalte Blick des Killers verursachte ihm einiges Unbehagen, doch er ließ sich absolut nichts anmerken.

„Dann werden sie wohl ein Problem mit der Staatsanwaltschaft bekommen, ich hab nämlich einen Deal mit denen abgeschlossen.“
„Stell dir vor Mann, da scheiß ich drauf“, entgegnete Jared mit einem Lächeln, „ich konnte Dolores Rothman nie besonders leiden. Beruht auf Gegenseitigkeit. Dafür kenn ich ihren Boss ganz gut. Der „Irrtum“ wird sicher redigiert werden, irgendwann. Bis dahin könnte es leicht passieren, dass du deinen vertrockneten Hintern ein paar Herren zur Verfügung stellen musst. Z.B. meinen "Brüdern" in Trakt 19. Ich bin in der gleichen Gegend wie die aufgewachsen. Viele von ihnen verdanken mir ihr Leben und ach das ihrer Familien. Ich bin vielleicht weiß, aber meine Seele ist rabenschwarz.“

Zum ersten Mal wirkte Triscal ein wenig verunsichert. In Trakt 19 waren ausschließlich schwarze Gangmitglieder „angesiedelt“. Selbst das Wachpersonal bestand aus Afroamerikanern. Obwohl er ihn nicht sah, konnte Jared fühlen, wie Jensen sich ein wenig entspannte. Ein Lächeln huschte kurz über seine Lippen. Jared fuhr mit seiner Hand unter Triscals Kinn und hob seinen Kopf recht unsanft an.

„Also, sprechen wir jetzt miteinander?“ fragte er und ließ ihn gleich wieder los.

Er fischte die Münze mit dem Drachen aus seiner Tasche und warf sie auf den Tisch. Sie rollte ein wenig herum, bevor sie zum Liegen kam.

„Jemand scheint in ihren alten Souvenirladen eingebrochen zu sein, treibt fröhliche Urstände mit ihrer Methode. Das Mädchen, das die bei sich trug, war tot. Zu blöd, der Killer war in diesem Fall aber bloß ein Lastwagen. Vorher hat man sie jedoch quer durchs Gelände gescheucht. Klingelt vielleicht was bei Ihnen? Irgendeine Ahnung, wer sich jetzt zum Copy-Killer aufschwingt?“

Triscals Blick wurde unstet, „wo haben sie das Mädchen gefunden?“

„Auf einem Freeway in der Nähe von Encino“, warf Jensen trocken ein.

„Haben sie ein Bild von ihr?“ Jared holte das Foto, dass der Leichenbeschauer gemacht hatte, aus der Brusttasche seines Jackets.

Weder er noch Jensen hatten mit der mehr als heftigen Reaktion Triscals gerechnet.

Er zog und zerrte an den Ketten und fing an zu schreien, „neeeiiiiin, neeeeeiiiiin, was haben sie nur mit meinem Baby gemacht.“

Die beiden Detectives tauschten verblüffte Blicke.

„Wer ist das?“ fragte Jensen und deutete auf das Foto.

„Diese Schweine, ich mach sie kalt“, tobte Triscal.

Er benahm sich wie ein verwundetes Tier. Sofort standen ein paar Aufseher in dem kahlen Raum und wollten ihn zur Raison bringen.

„Lassen sie ihn“, befahl Jared, „wer zur Hölle ist das Triscal?!“

Der Killer schluchzte leise vor sich hin, brabbelte unverständliches Zeugs. Tränen liefen unaufhaltsam über sein Gesicht.

„Mein Baby, mein Baby“, quetschte er zwischen den Zähnen hervor, „was haben sie nur mit dir gemacht?“

Erneut riss er an den Ketten, er wollte das Bild berühren, konnte nicht glauben, was er da sah.

„WER IST DAS?“ fragte Jensen erneut.

„Das, das ist die Stieftochter meiner Schwester. Ihr Name ist Cindy Powers“, die Worte kamen stoßweise über seine Lippen.

„Haben sie eine Ahnung, wer das getan haben könnte?“ hakte Jared nach.

Triscals Blick wurde leer, er starrte auf einen imaginären Punkt an der Wand, „ich hätte nicht gedacht, dass er es wahr machen würde“, murmelte er.

„Wer zum Henker, wer, Triscal?“ Jensens Geduld hing an einem seidenen Faden.

„Ich hab es ihnen doch bei der Gerichtsverhandlung erzählt, sie haben nur einen Kopf des Drachens abgeschlagen. Der zweite lebt noch. Er ist zurückgekommen und es wird noch schlimmer werden. Satan kennt keine Gnade.“

Obwohl Jensen und Jared alles in ihrer Macht stehende versuchten, brachten sie keinen Ton mehr aus Triscal heraus.

„Wenigstens wissen wir jetzt ihren Namen“, sagte Jensen zu seinem Partner, als sie in dessen Ferrari stiegen.

Verdrossen startete Jared den Wagen und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Durch die enorme Beschleunigung wurden sie in ihre Sitze gedrückt.

„Hat er das damals wirklich zu dir gesagt?“ fragte Jared und hielt den Blick eisern auf die Straße gerichtet.

Jensen schluckte, „mehr als einmal, wir haben ihm jedoch keinen Glauben geschenkt. Warum auch? Laut unseren Ermittlungen liefen alle Fäden bei ihm zusammen, es gab nie einen Hinweis auf ein zweites Mastermind.“

„Dann habt ihr entweder geschlampt, oder irgendwo sitzt jemand, der die Beweise manipuliert hat“, entgegnete Jared trocken, er überlegte kurz.

„Du kanntest das Mädchen nicht?“

Jensen schüttelte den Kopf, „als die Verhandlung lief, war seine Schwester noch solo. Uns war jedenfalls nichts von einer Stieftochter bekannt.“

„Weshalb passierte das gerade jetzt?“ bohrte Jared weiter.

„Soviel ich weiß, hat Triscal demnächst eine Anhörung. Es geht um die Lockerung des Vollzugs. Er soll in ein „gemütlicheres Gefängnis“ verlegt werden. Dafür hat er angeboten ein paar Brotkrumen fallen zu lassen“, erklärte ihm Jensen.

„Dann hat er wohl einen Schuss vor den Bug bekommen, damit er die Fresse hält. Shit“, wütend schlug Jared auf das Lenkrad ein, „wir müssen was finden, was ihn zum sprechen bringt.“

Jensen lachte verbittert auf, „und was? Schleifen wir seine Schwester zu ihm und drohen sie vor seinen Augen standrechtlich zu erschießen?“

„Du siehst zu viele schlechte Filme“, grinste Jared, „aber wenn wir sonst nichts finden, können wir ja darauf zurück greifen.“

Sie fuhren eine Weile schweigend durch die Gegend. Jared verzichtete sogar auf sein geliebtes Gedudel aus dem Radio.

„Eines würde mich brennend interessieren“, sagte Jensen so unvermittelt, dass Jared den Wagen leicht verriss.

„Himmel Ice, quatsch mich beim fahren nicht von der Seite an, sonst besichtigen wir noch den Straßengraben.“

„Sorry Partner“, entschuldigte er sich, „aber wo hast du gelernt so cool zu bleiben? Ich mein, der Kerl hat dich doch voll provoziert. Aber du hast nicht mal mit der Wimper gezuckt. Und was sollte der Scheiß mit der rabenschwarzen Seele?“

„Ich bin einfach ein cooles Kerlchen, Ice und glaub es oder nicht, ich bin tatsächlich in nem schwarzen Viertel aufgewachsen, meine Eltern waren in der Wahl ihrer Wohngegend nicht gerade wählerisch. Anfangs ging es mir dort ziemlich beschissen, aber mit der Zeit hab ich mir Respekt verschafft, auf die eine oder andere Art. Und ich hab ein paar der Jungs dort zu einem Leben ohne Drogen, dafür mit Zukunft verholfen", entgegnete Jared. Schweigen.

Nach einer Weile fuhr er fort, „ Und ich war bei einer Aufklärungseinheit im Golfkrieg. Spezialisiert auf Guerillataktik und „besondere“ Verhörmethoden.“

„Aber das hab ich nirgendwo gelesen“, bemerkte Jensen erstaunt.

„Es scheint auch nicht in meinen Akten auf, weil Top Secret, einzig der Chief weiß davon und musste Stillschweigen geloben. Das heißt, dass ich dich jetzt eigentlich erschießen müsste, aber ich will mir den Ferrari nicht einsauen“, sagte Jared.

„Verarscht du mich Partner?“

„Nein, ehrlich. Unsere Einheit hat es nie gegeben. Die Methoden, die wir anwenden mussten waren größtenteils illegal. Du willst die Einzelheiten gar nicht wissen. Nur soviel, Triscals Spielchen reichen nur annähernd an das heran, was WIR unter Folter verstanden.“

Jareds Unterkiefer mahlten, während er einen Gang höher schaltete und ein riskantes Überholmanöver startete. tbc

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Kapitel 6
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Am nächsten morgen klopfte Jared pünktlich um halb sieben Uhr morgens an Jensens Küchentür. Dieser hatte seinen Kollegen spontan zum Frühstück eingeladen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er nach dem gestrigen Besuch in St. Quentin von einem krankhaften Putzfimmel befallen worden war und bis spät in die Nacht klar Schiff gemacht hatte.

„Hallo Ice“, grüßte Jared gut gelaunt und kam herein.

„Hallo Partner, du kommst gerade richtig. Wie hättest du deine Eier gern?“

Jensen legte gerade Speck in die Pfanne, der augenblicklich einen herrlichen Duft verbreitete.

„Am liebsten gekrault“, entgegnete Jared frech.

Jensen lachte, „ja sicher. Aber ich denke nicht von mir.“

Jared setzte sich auf den erstbesten Stuhl, „natürlich nicht von dir, seh ich etwa aus, als wär ich schwul?“

Jensen warf ihm einen eigenartigen Blick zu, „manchmal?“

„Also wirklich, du hast keine Ahnung. Männer meines Schlages werden heutzutage metrosexuell genannt“, klärte ihn sein Partner auf.

„Hat das was mit der U-Bahn zu tun?“ neckte ihn Jensen, „trotzdem weiß ich noch immer nicht, wie du deine Eier haben willst.“

„Rührei, fest nicht zu glitschig, mit einem Hauch…..“

„Jared, danke, es reicht“, wies in Jensen in die Schranken.

Er zuckte nur mit den Schultern und blickte sich um, dann stieß er einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne und setzte sich die Sonnenbrille auf. Jensen wirkte ein wenig verstört, als er die zwei Teller mit Rührei und Speck auf den Tisch stellte.

„Zuviel gesoffen gestern?“ fragte er deshalb.

Jared schüttelte den Kopf, „nein, es ist der Glanz deiner Bude, der meine Augen blendet. Wann ist denn das passiert? Als ich das letzte Mal hier war, wollte ich schon den Kammerjäger bestellen oder gleich die Bude abfackeln. Aber jetzt sieht’s hier richtig gemütlich aus.“

Jensen nahm ebenfalls Platz und grinste von einem Ohr zum anderen, „unser Besuch in St. Quentin hat mich dazu animiert. Ich war gestern so frustriert und … hach, ich weiß nicht. Da hab ich beschlossen meine negativen Energie in was Positives umzuwandeln.“

Jared nahm einen Bissen und schwärmte, „mmmhhhh, schmeckt das herrlich. Nicht so wie das Pappzeug vom Diner. Wenn du willst können wir ja heut gleich noch mal hinfahren und dann kommst du anschließend zu mir und tobst dich aus.“

„Sicher, ich bin doch nicht die Wohlfahrt“, Jensens Handy klingelte.

„Ivory“, meldete er sich.

Dann schwieg er eine Weile und seine Miene wurde immer ärgerlicher.

„Ich kann sie heut nicht holen Sarah. Warum nicht? Weil es eben nicht geht. Kann denn deine Schwester….“, Jensens Stimme wurde immer lauter.

Jared runzelte die Stirn, „was ist denn schon wieder?“ fragte er so leise, als möglich.

Jensen ließ die Schimpftiraden seiner Ex-Frau wortlos über sich ergehen.

Genervt wandte er sich an Jared, „sie will, dass ich Joy vom Musikunterricht abhole, ich kann nicht. Ich hab ausgerechnet heute eine Nachbesprechung wegen der Sache mit Helen“, flüsterte er, „und sie behirnt das nicht.“

Als er sich von ihm abwandte, klopfte ihn Jared auf die Schulter, „um wie viel Uhr?“

„Um vier.“

„Ich mach das, okay?“

Jensen schluckte, „danke.“

„Hör zu Sarah, du kannst wieder runterkommen von deiner Palme“, rief Jensen ins Telefon, „Jared, mein Partner holt Joy. Ja, er ist vertrauenswürdig und nein, er ist kein Kinderschänder. Die Mädchen mit denen er sich abgibt, sind schon wesentlich älter als Joy.“

Wieder Stille.

Jedenfalls dürfte Sarah sich beruhigt haben, denn Jared konnte ihre Stimme nicht mehr hören.

„Ja, in Ordnung, um vier.“

Jensen beendete das Gespräch.

„Mann, ich kann dir gar nicht genug danken. Am liebsten hätte ich durchs Telefon gegriffen und sie erwürgt“, schnappte Jensen.

„Du hast jetzt nicht zufällig Lust, meinen Wagen zu waschen?“ unkte Jared.

Jensen warf ein Brötchen nach ihm.

„Hilfe Attentat“, wenn du mich damit an ner blöden Stelle triffst, kipp ich um, wie ein Stein und du kannst deine sogenannte „Tochter“ selber holen.“

Jensen überging geflissentlich Jareds Seitenhieb. Sie frühstückten noch ungefähr eine dreiviertel Stunde, dann fuhren sie ins Büro.

„Da sind ja unseren beiden Glückritter“, rief der Chief quer durchs Büro, kaum, das sie an ihren Schreibtischen Platz genommen hatten.

„Jared, ich hab hier ne saftige Beschwerde von Triscal am Tisch liegen, wegen seelischer Grausamkeit oder so“, dröhnte seine Stimme aus der offenen Tür, „hätten sie vielleicht die Freundlichkeit ihren Hintern zu mir zu bewegen und mich aufzuklären, was sie diesem armen Mann angetan haben?“

Jared stöhnte auf, „du meine Güte, der spinnt doch. Er hat sich wie das letzte Arschloch Jensen gegenüber verhalten.“

Beide Detectives gingen zu ihrem Boss und schlossen die Tür hinter sich. Das halbe Revier verrenkte sich bereits neugierig die Hälse.

„Also was war dort los?“ brummelte der Chief.

Jared und Jensen erklärten ihm alles noch einmal haarklein, obwohl er längst ihre schriftlichen Berichte auf dem Tisch liegen hatte. Der Chief hatte seine Hände über seinem kleinen Bäuchlein gefaltet und hörte geduldig zu.

Nachdem die beiden ihren Bericht beendet hatten, sah er von einem zum anderen, „ich weiß, es ist verdammt hart für sie Jensen. Heute Nachmittag wollen der Staatsanwalt und ein paar wichtige Leute, jedenfalls halten sie sich dafür, noch mal die Sache mit Helen aufrollen. Ihre Berichte über das Gespräch mit Triscal haben gehörig Staub aufgewirbelt. Man möchte bereits von vornherein das Risiko so klein als möglich halten.“

Jensen sprang von seinem Stuhl auf und begann nervös, hin und her zu laufen.

„Ich hab keine Lust, alles noch einmal haarklein zu zerpflücken. Ich denke, es wurde bereits alles gesagt“, besorgt sah Jared zu seinem Partner.

„Ich kann sie auch gerne von diesem Fall abziehen Ivory und Jared einen anderen Partner zuteilen“, meinte der Chief.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, echauffierte sich Jared, „wenn jemand diese Arschlöcher kennt, dann Ice.“

„Das schon, aber wenn es ihn psychisch zu sehr belastet und….“

„Ach quatsch“, unterbrach Jensen, „sicher ist es belastend, aber nicht so, dass ich meine Arbeit nicht richtig machen kann. Ich finde es nur scheiße, wenn diese unsägliche Sache immer wieder aufgewärmt wird. Herrgott noch mal, davon wird Helen auch nicht wieder lebendig.“

Er setzte sich.

Der Chief wirkte ein wenig betroffen, „Helen war eine hervorragende Polizistin, sie hat eine große Karriere vor sich gehabt“, er räusperte sich, „ich werde dafür sorgen, dass es nicht allzu schlimm wird Jensen, versprochen.“

Er blickte ihm in die Augen. Jensen nickte mit verbissener Miene. „

Was ist mit der Beschwerde?“ wollte Jared wissen.

„Ich denke, die hat einen sehr langen Weg vor sich und es könnte gut sein, dass sie irgendwo zufällig in den Reißwolf fällt. Jedenfalls ist es nichts, womit sich die Dienstaufsicht befassen muss“, der Chief reichte beiden die Hände, „und jetzt an die Arbeit Jungs, es gibt viel zu tun.“

"Es gibt viel zu tun“, äffte Jared seinen Boss nach, „danke für den Hinweis, ich dachte ich krieg die Kohle fürs Nasen bohren.“

Jensen kramte geschäftig in ein paar alten Notizen, die in seiner Schublade lagen.

Seine Augen blitzten als er zu Jared sagte, „komm ich weiß, wo wir anfangen können zu graben.“

Jared meinte lakonisch, „brauch ich ne Schaufel oder geht es ohne?“

Am Stadtrand stand ein Anhalter mit einer Tafel, auf der San Francisco in krakeliger Handschrift gekritzelt war. Eine hübsche Blondine lenkte ihren kanariengelben Pickup zur Seite und hielt an, „ganz bis Frisco düse ich nicht Kumpel, aber ich kann dich ein Stück mitnehmen“, sagte sie.

Ein leichter Wind fuhr durch ihre langen blonden Haare. Der Anhalter zögerte keinen Augenblick.

„Gern. Wann hat man denn schon Gelegenheit in den Wagen einer so tollen Frau zu steigen, ich bin Jarvis“, er reichte ihr die Hand, nachdem er den Rucksack auf die Ladefläche geworfen hatte und zu ihr in den Wagen gestiegen war.

„Hallo Jarvis, ich bin Cheyenne.“

Sie musterte ihn eingehend. Ihm wurde ganz heiß dabei. Gierig leckte er sich die Lippen. In Gedanken sah er sich mit ihr nackt allein am Strand. Ihr entging sein lüsterner Blick nicht und sie lachte kurz auf.

„Was ist so komisch?“ fragte er konsterniert.

„Dein Blick Jarvis, du siehst aus, wie die Jungfrau vor dem Pornoladen.“

Nervös wischte er sich seine verschwitzten Handflächen in die Jeans und sah aus dem Fenster.

„Entschuldige, das wollt ich nicht.“

Sie gluckste vergnügt und trat aufs Gaspedal.

„Du hast anscheinend nicht viel Erfahrung mit Mädchen. Wie alt bist du 17?“ fragte sie, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten.

„Oh, fast schon 18. Nächsten Monat. Ich hab’s schon mit einigen Mädchen getrieben, keine Bange“, seine Wangen glühten.

„Du schwindelst, das seh ich dir an“, gab sie amüsiert zurück, „du bist noch Jungfrau nicht wahr?“

Er rückte verlegen in seinem Sitz hin und her, „nicht direkt.“

„Wie weit bist du bei einem Mädchen bis jetzt gegangen“, bohrte Cheyenne.

„Wieso sollte ich dir das erzählen?“ er wurde ungehalten.

„Vielleicht weil ich dir noch was beibringen könnte“, sie strich über seinen Oberschenkel, erneut lief eine Hitzewelle durch seinen Körper. Er meinte sein bestes Stück wäre gerade dabei die Hose zu sprengen.

Sie kniff ihn, „scheinst ja einiges mit dir herum zu tragen.“

„Könnten wir vielleicht das Thema wechseln. Mann, ist das heiß hier drinnen.“

Er stellte die Klimaanlage eine Stufe höher.

„Also ich hab viel Platz auf der Ladefläche und ich kenn da ein lauschiges Plätzchen, nicht weit von hier, na wie wär’s?“ ihre Stimme klang verführerisch.

Das Testosteron schoss mit Höchstgeschwindigkeit durch seine Adern. Er hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen.

„Machst du das oft?“ er klang total verunsichert.

Sie lachte erneut auf und schüttelte ihren Kopf, das lange blonde Haar fiel weich um ihren Kopf, „nicht alle Anhalter sind so schnuckelig wie du Jarvis. Ich finde dich ausgesprochen attraktiv und ich denke, du hast es verdient noch vor deinem Geburtstag entjungfert zu werden.“

„Au backe, die Jungs kriegen nen Schlaganfall wenn ich ihnen davon erzähle“, sagte er.

„Wenn du willst kannst du ja auch ein paar Beweisfotos machen“, sie winkte mit einer kleinen Digicam vor seiner Nase herum.“

Er nickte so heftig, dass man Angst haben musste, er würde sich dabei das Genick brechen. tbc


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Kapitel 7
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Nachdem sie den Gothic-Laden in der Melrose Avenue betreten hatten, rümpfte Jared seine Nase, „sag mal irre ich mich, oder riecht es hier nach Gras?“

„Keenan hat seinen eigenen Stil, beachte das nicht“, entgegnete Jensen.

Jared sah sich in dem kleinen, unordentlich wirkenden Geschäft um.

Beim Anblick eines Totenschädels zuckte er kurz zusammen, „denkst du der ist echt Ice?“

Jensen zuckte die Schultern, „keine Ahnung, kannst ihn ja zu uns ins forensische Labor mitnehmen. Die Leutchen von dort stehen auf das Zeug, ich wette einige von ihnen kaufen hier regelmäßig ein.“

Der nikotingefärbte Perlenvorhang klirrte leise und ein hünenhafter Kerl von mindestens zwei Metern kam zu ihnen. Er war ganz in schwarz gekleidet. Sein Schädel war kahl rasiert und mit merkwürdigen Motiven tätowiert. Auf seinem T-Shirt prangte ein Abbild von Wesley Snipes als „Blade“.

„Dachte ich mir’s doch, das ich jemanden reden gehört hab.“

Für seine Größe hatte er eine ungewöhnlich hohe Stimme und Jared hatte alle Mühe nicht laut loszuprusten.

„Hallo Keenan“, Jensen und er vollführten ein besonderes Begrüßungsritual mit Händen und Fäusten, „wie laufen die Geschäfte?“

„In letzter Zeit wieder etwas besser“, antwortete Keenan.

Zuviel für Jared, er brach in schallendes Gelächter aus.

„Was’n das für einer?“ meinte Keenan verwundert.

„Beachte ihn nicht. Er ist mein Partner“, unsanft stieß er Jared in die Seite.

„Hallo, ich bin Jared“, er versuchte krampfhaft seine Fassung wieder zu erlangen.

„Darf er denn überhaupt ne Waffe tragen, ich wusste gar nicht, dass ihr jetzt schon Reich und Schön bei euch aufnehmt“, Keenan kratzte sich nachdenklich den kahlen Schädel.

„Und ich hab nicht gewusst, dass ein so großer Mann, so eine dünne Stimme haben kann“, kringelte sich Jared vor lachen.

„Erzähl ihm, wie es dazu gekommen ist Keenan“, forderte ihn Jensen auf.

„Also ich hab deinem Partner bei diesen abgedrehten Fall geholfen. Eines Nachts sind ein paar dieser Satansjünger in mein Haus eingedrungen und haben dir die Eier abgeschnitten. Niedlich was?“, meinte Keenan trocken.

Jareds Lachen erstickte augenblicklich. Für ein paar Sekunden herrschte Stille in dem Laden, dann brüllte der Hüne aus vollem Halse, „die Nummer zieht noch immer Jensen. Sieh dir nur mal sein Gesicht an.“

Jared blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her. Sein linkes Auge begann unmerklich zu zucken.

Jensen schlug seinem Partner derb auf die Schulter, „er hat dich verkackeiert Jared, krieg dich wieder ein.“

Keenan schenkte ihm ein breites Grinsen, „du kannst wohl nur austeilen, aber nicht einstecken?“

„Das ist nicht komisch Ice. Sag ihm, dass das nicht komisch ist. Nicht seit wir uns um diesen bescheuerten Fall kümmern müssen“, ärgerte sich Jared, „und nicht, seit ich von der Sache mit Helen weiß.“

Keenans Lächeln verschwand, er wurde ernst, „entschuldige Mann. Ich hatte einen Tumor auf den Stimmbändern, bei der OP haben die Ärzte ein wenig gepfuscht. Die Sache mit den Satanisten hört sich einfach besser an.“

Jensen atmete kurz durch, „schön, nun sind alle Unklarheiten aus dem Weg geräumt. Kommen wir zur Sache.“

Die Tür ging auf und ein blasses Pärchen, beide ganz in schwarz und mit langen schwarzen Ledermänteln bekleidet, betrat den Laden.

„Entschuldigt mich einen Augenblick“, bat Keenan und ging hinüber zu seiner Kundschaft.

„Es tut mir leid Jared“, sagte Jensen und ergriff den Arm seine Partners, wütend riss der sich von ihm los.

„Lass mich. Der Fall geht mir mindestens so sehr an die Nieren, wie dir. Das was ihr vorhin abgezogen habt ist einfach nur krank, in Anbetracht der ganzen Sache. Ich will nicht mehr darüber reden.“

Keenan hatte den beiden zwei Tuben Kunstblut und schwarze Schminke verkauft. Dann drehte er das Schild um, sodass von draußen „Geschlossen“ zu lesen war und bat die beiden Detectives nach hinten.

Das Hinterzimmer war weit weniger gruselig als der Laden. Eine zerschlissene Couch, ein kleiner Tisch mit einer Bong darauf und eine Küchenzeile war alles, was sich darin befand. Das Zimmer war weiß gestrichen und Keenan bot einen ziemlichen Kontrast dazu.

„Setzt Euch bitte, wollt ihr was trinken? O-Saft oder was anderes?“

Keenan öffnete die Tür des Kühlschranks. Er war gefüllt mit Bierdosen und Softdrinks.

„Ich nehm ein Bier“, sagte Jensen und handelte sich Jareds bösen Blick dafür ein.

Er ignorierte ihn geflissentlich. Jared wollte nichts. Der Hüne setzte sich ihnen gegenüber auf den Boden.

Jensen starrte auf die Dose in seiner Hand, „Keenan, ich befürchte es gibt einen guten Grund, weshalb deine Geschäfte wieder besser laufen. Ein neuer Triscal ist in der Stadt.“

Keenan verschluckte sich beinahe und musterte sein gegenüber eindringlich.

„Ich schätze, dann brauch ich bald mehr Personal.“

„Mehr haben sie dazu nicht zu sagen?“ fuhr Jared ihn an, „es gab bereits eine Tote. Und laut Triscal war das nur die Vorhut.“

Keenan nuckelte an seinem Bier, „ihr habt diesem Drecksack tatsächlich einen Besuch abgestattet? Das glaub ich nicht. Ich hatte gehofft, sie hätten ihn irgendwo in ner Einzelzelle verrotten lassen. Aber Unkraut vergeht nicht, das hat schon meine Oma immer gesagt.“

„Ice was wollen wir eigentlich hier?“ Jared wurde ungeduldig, „blöde Sprüche kann ich auch selber klopfen“, er stand auf.

Jensen hielt seinen Arm fest, „setz dich bitte wieder. Keenan war mein bester Informant im Fall Triscal. Seine Anhänger kamen ab und zu hier in den Laden und haben mit den Taten der Gruppe geprahlt. Widerlich. Die Polizei hat Keenan anfangs nicht geglaubt.“

Der Hüne schüttelte den Kopf, „niemand hat mir geglaubt. Nicht mal, als ich ihnen erzählt habe, sie hätten meine Schwester entführt. Erst als man ihre nackte Leiche, mit dem Kopf nach unten an eine Wand genagelt, in einem verlassenen Haus am Stadtrand gefunden hat, wurden sie hellhörig. Sie konnte nur noch anhand ihrer Zahnabdrücke identifiziert werden, so grausam hatten sie sie verstümmelt. Zuerst dachten die Bullen sogar, ich wär’s gewesen. Wegen dem Laden und dem Zeug, dass wir hier verkauft haben.“

Sein Gesicht blieb ebenso emotionslos, wie seine Stimme.

„Oh mein Gott“, war alles was Jared dazu sagen konnte.

„Nachdem was uns Triscal erzählt hat, ist sein ehemaliger Partner, von dessen Existenz wir bisher nichts gewusst haben, zurückgekehrt. Seinen Namen wollte er uns aber nicht nennen. Triscal hat Angst um seine Familie. Das erste Opfer war nämlich seine kleine Nichte.“

Keenan leerte die Dose in einem Zug. Dann zerquetschte er sie in seiner Hand, als wäre es ein Stück Papier.

„Ich dachte nach Triscal gibt’s keine Steigerung. Hab mich wohl geirrt.“

Er erhob sich und sah den beiden Polizisten in die Augen, „ich werde mein möglichstes tun, um euch in dieser Sache zu unterstützen. Darauf könnt ihr euch verlassen Jungs.“

Sie reichten sich die Hände und verabschiedeten sich kurz darauf.

Gegen Abend erreichte die zehnköpfige Gruppe der Pasadena Youth Scouts die Lichtung, an der sie ihr Lager für die Nacht aufschlagen sollten. Die Kids waren im Alter zwischen zwölf und siebzehn Jahren. Der Gruppenführer war der erfahrene Pfadfinder Lester Deary. Er teilte die Scouts in zwei Gruppen. Die eine Hälfte sollte sich mit dem Einsammeln von Holz beschäftigen, während die anderen mit dem Zeltaufbau begannen. Deary selbst freute sich schon, wenn alle zu Abend gegessen und bald darauf Stille einkehren würde. Doch daraus sollte nichts werden, wie sich nur kurze Zeit später herausstellte.

Die Zwillinge Matthew und Stewart kehrten völlig aufgelöst zum Lagerplatz zurück.

„Mr. Deary kommen sie schnell, da vorne steht ein gelber Wagen, er ist mit komischen Zeichen bemalt“, Stewart presste die Worte hervor, während sich sein Brustkorb in rasender Geschwindigkeit hob und senkte.

Deary zog verärgert eine Augenbraue nach oben.

„Schluss damit“, fuhr er sie wütend an, „ihr habt mich heute schon genug genervt. Ihr habt zweimal eure Identität vertauscht, Matthew hat den Verletzten gemimt und am Ende habt ihr Sonja noch Limonade in den Rucksack gefüllt. Mir reicht’s.“

Er wandte sich zum gehen.

Stewart hing sich jedoch an seinen Arm, wie ein kleines Äffchen, „bitte Sir, sie müssen uns glauben, kommen sie einfach mit und überzeugen sie sich davon, bitte.“

„Den Dackelblick kannst du dir sparen Stew, wahrscheinlich übst du ihn stundenlang heimlich vor dem Spiegel“, schnappte Deary.

„Bitte Mr. Deary“, jetzt versuchte es Matthew, „sie müssen sich das ansehen unbedingt. Es ist … unheimlich.“

Deary sah von einem zum anderen. Entweder sie waren verdammt gute Schauspieler, oder sie waren tatsächlich zutiefst verängstigt. Der eine kaute nervös an seinen Fingernägeln, der andere nagte verbissen auf seiner Unterlippe, bis sie blutete.

„Na schön“, gab er sich geschlagen, „aber ich warne euch: wenn das wieder eines eurer Spielchen ist, werde ich dafür sorgen, dass ihr aus der Scoutvereinigung rausfliegt. Ist das klar?“

Schon erwartete er, dass die beiden in schallendes Gelächter ausbrechen würden, doch sie taten es nicht. Im Gegenteil, sie trabten mit hängenden Köpfen voran, beinahe so, als wären sie auf dem Weg zum Schafott. Deary hatte die Schilderungen der Zwillinge ihrer blühenden Fantasie zugeschrieben, aber was er sah, als sie besagten Waldabschnitt erreichten, ließ ihm den Atem stocken. Der kanariengelbe Pickup war – soviel er auf den ersten Blick erkennen konnte – mit zahlreichen okkulten Zeichen in roter Farbe beschmiert.

„Ihr wartet hier“, befahl er den Zwillingen, die ihm, ausnahmsweise, nur allzu gern gehorchten.

Vorsichtig näherte er sich dem Fahrzeug und zog dabei unbemerkt sein Bowie-Messer, das er bei solchen Ausflügen stets bei sich trug. Gut möglich, dass sich auf der Ladefläche des Pickups jemand versteckte. Ein penetranter Geruch stieg ihm in die Nase. Aus seiner Zeit als freiwilliger Sanitäter wusste er, dass es der metallische Geruch von Blut war. Er unterdrückte das Würgen in seinem Hals und warf einen vorsichtigen Blick auf die Ladefläche. Sie war leer. Aber überall war Blut. Da wurde ihm Gewahr, dass die Symbole auf dem Fahrzeug nicht mit roter Farbe sondern mit Blut gezeichnet worden waren. Angeekelt wandte er sich ab, nahm sein Handy zur Hand und verständigte den Notruf.

„Was ist hier geschehen Mr. Deary?“ fragten die Zwillinge wie aus einem Mund.

„Etwas schreckliches Jungs. Etwas ganz schreckliches.“

Er drückte die beiden kurz an sich und eilte dann mit ihnen zurück ins Lager.

In der Abteilung für Kapitalverbrechen herrschte ungewohnte Stille, es war kurz nach sieben. Ein Großteil der Leute hatte sich bereits auf dem Heimweg gemacht. Die Nachtschicht saß in einem anderen Bereich und Jensen hatte lediglich seine Schreibtischlampe brennen.

Er brütete über den Akten von Triscals Fall. Ging alles noch einmal von vorne durch und hoffte in dem Papierberg auf einen Hinweis auf einen weiteren Hintermann zu stoßen. Bis jetzt ohne Ergebnis.

Kurz darauf kam Jared herein. Er trug einen Pappkarton in der Hand, „ich wusste, dass ich dich hier finden würde Ice. Ich hab uns was zu futtern besorgt von Mr. Fung Wo.“

Er schnitt eine Grimasse, während er sprach. Jensen reagierte mit einem leisen Murmeln.

„Oh, besten Dank Partner. Ich finde es eine tolle Idee, dass du dich um mein Wohlergehen kümmerst. Ohne dich würde ich an Unterernährung sterben“, feixte Jared und stellte das Essen auf den Tisch.

„Hast du Joy vom Musikunterricht abgeholt?“ fragte Jensen, ohne aufzusehen.

Jared faltete seine Hände in Höhe des Brustkorbes und verneigte sich einige Male, „ja Massa. Hab ich gemacht Massa. Ich hab sie auch noch zu McDonald geschleift und sie mit Fast Food voll gestopft, hoffentlich ist hier heute Abend schlecht.“

Dass er dabei auch gleich den Strohhalm, den Joy verwendete, eingetütet und zur DNA-Analyse ins Labor gebracht hatte, verschwieg er wohlweislich. Spätestens wenn das Ergebnis feststand, würde er Jensen davon in Kenntnis setzen.

Manche Leute mussten eben zu ihrem Glück gezwungen werden, „wie war die Anhörung?“

Jensen schien ihn völlig zu ignorieren.

„Muss ich erst meine Glock herausnehmen und ein paar Schüsse in die Luft abfeuern, ehe du mich zur Kenntnis nimmst?“ schnappte Jared.

Sein Partner lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, „es war beschissen, genügt dir das?“

Jared schüttelte den Kopf, nahm sich einen der Kartons und begann mit Stäbchen daraus zu essen.

„Ich kam mir vor, wie in ner scheiß Tretmühle. Sie haben mir immer wieder dieselben Fragen gestellt. Wie es dazu kommen konnte, dass wir von der Einheit abgeschnitten wurden, wieso wir nicht mehr Verstärkung angefordert hatten, wieso wir solch einer folgenschweren Fehleinschätzung unterlagen, weshalb ich nicht mehr für die Rettung meiner Partnerin getan habe usw. Ich wollte ihnen schon den Vorschlag machen, mich an die Wand zu stellen und standrechtlich zu erschießen.“

Jensen seufzte und griff wahllos nach einer der Schachteln, die vor ihm auf dem Tisch standen. Eigentlich hatte er überhaupt keinen Appetit, doch als ihm der Duft des Essens in die Nase stieg, merkte er erst wie hungrig er war.

„Die haben doch einen Knall“, Jared schaufelte sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund.

„Diese Sesselpupser haben doch keine Ahnung von dem Knochenjob, den wir hier machen. Die hocken gemütlich in ihren Penthouse Büros, während unsereiner tagtäglich seinen Arsch auf der Straße riskiert. Die versuchen doch gar nicht, sich in unsere Situation hineinzuversetzen.“

Jensen nickte nachdenklich. Er hatte das Szenario von damals immer und immer wieder durchgespielt und stets war er zu dem gleichen Ergebnis gekommen, sie hatten das einzig richtige getan, es war eine Aktion wie aus dem Lehrbuch gewesen. Und trotzdem hatte sie Helen das Leben gekostet.

Die plötzliche Geschäftigkeit im Abschnitt der Nachtschicht erregte Jareds Aufmerksamkeit.

„Was ist den dort drüben los? Da geht’s ja zu, wie im Bienenstock“, sagte er, stellte das Essen auf den Tisch und ging hinüber.

Kurz darauf stürmte er zurück ins Büro, riss seine Jacke vom Sessel und sagte, „vergiss das Essen Ice, unsere „Freunde“ haben wieder zugeschlagen. tbc

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Kapitel 8
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Als Jensen und Jared am Tatort eintrafen war die Spurensicherung bereits am Arbeiten. Die Gegend war großräumig abgesperrt worden, was jedoch Schaulustige nicht davon abhielt diese zu missachten und somit den Tatort zu kontaminieren. Immer wieder mussten Streifenbeamte eingreifen und allzu neugierige Nasen in die Schranken weisen.

„Nanu, sind wir hier mitten in ein Treffen der Pfadfinder geplatzt?“ meinte Jared und deutete auf die Gruppe von Jungen und Mädchen, die, ziemlich verängstigt, in einer Ecke hockten, während ein Beamter ihre Beobachtungen notierte.

Der Chief kam polternd aus dem Gehölz, „sagen sie diesen Aasgeiern, wenn ich noch einen von ihnen hier erwische, wird er ohne zu zögern zum Abschuss freigegeben!“

Wüste Verwünschungen fluchend ging er hinüber zu Jensen und Jared.

„Das glaubt ihr nicht, wenn ihr es nicht mit eigenen Augen gesehen habt“, meinte er schwer atmend.

„Was tun denn die Kiddys hier? Sagen sie bloß, die gehören jetzt zum Morddezernat“, hakte Jared grinsend nach.

„Die wollten hier nen netten Abend am Lagerfeuer verbringen. Das war eine gute Idee, solange bis zwei von ihnen den Wagen entdeckt haben. Ich würde vorschlagen, sie folgen mir und ich hoffe, sie haben noch nicht zu Abend gegessen.“

Ohne zu ahnen was ihn erwarten würde, begannen sich Fung Wo’s Spezialitäten in Jensens Eingeweiden bemerkbar zu machen und er hoffte, er müsste sich das Abendessen nicht noch mal durch den Kopf gehen lassen. Der metallische Geruch von Blut schlug ihnen schon entgegen, bevor sie den Wagen sahen. Jensen würgte und tat alles in seiner Macht stehende, um nicht in die Botanik zu kotzen. Als sie sich dem Fahrzeug bis auf einige Meter genähert hatten, erregte eine, ihm bekannte, Frauenstimme, sein Interesse. Hatte Jensen bis jetzt stur auf den Boden gestarrt und die Umgebung ignoriert, ruckte sein Kopf mit einem Mal in die Höhe.

„Was will die denn hier?“ fauchte er nicht gerade freundlich.

„Dir auch einen wunderschönen guten Abend“, kam prompt die Retourkutsche der Beamtin, die anscheinend gerade dabei war, den Wagen genauer in Augenschein zu nehmen.

Jedenfalls fand sie es nicht einmal der Mühe wert sich umzudrehen. Angesteckt von Jensens Unmut protestierte Jared, „ich dachte, das ist unser Fall Chief. Wer ist die Tussi dort drüben und warum zum Geier sind ihre Giftfinger dabei, UNSER Beweismaterial auseinander zunehmen?!“

„Wenn ihr beiden Halbaffen genug Beleidigungen von euch gegeben habt, könntet ihr mir vielleicht zur Hand gehen“, feuerte die Beamtin erneut eine verbale Breitseite gegen die beiden ab.

„Moment Lady“, echauffierte sich Jared, „Sklaventreiberei ist längst aus der Mode gekommen. Das ist unser Fall und SIE werden gefälligst das tun, was WIR ihnen sagen und nicht umgekehrt.“

Seufzend wandte sie sich endlich um.

„Darf ich dir Joy Russel vorstellen Jared. Joy, das ist mein Partner Jared Ebony.“

Ungeachtet des grauenhaften Szenarios fing Joy an zu lachen.

„Ebony und Ivory, ich krieg mich nicht mehr, liegen Michael Jackson und Paul McCartney bei euch im Kofferraum?“

Sie kringelte sich förmlich, „wer hat euch denn…“

„Lady“, unterbrach Jared sie schroff, „glauben sie mir, wir haben bereits alle Witze gehört, die man darüber machen kann.“

Der tadelnde Blick des Chiefs gebot ihr schließlich Einhalt und sie machte sich wieder an die Arbeit.

Als er sich zum Gehen wandte, hielt ihn Jensen fest, „so einfach kommen sie mir nicht davon Chief. Was … macht … Joy Russell … hier?“

Der Chief seufzte, als läge die ganze Last der Welt auf seinen Schultern, „es war nicht meine Idee Jungs. Klar? Nach ihren desaströsen Schilderungen heute Nachmittag, hat der Commander beschlossen, Russell hinzu zuziehen. Sie hat sich auf Ritualmorde, Okkultismus und den ganzen Kram spezialisiert. In Mississippi war sie damit sehr erfolgreich und hat eine Mordserie in Natchez aufgeklärt. Mehr kann und will ich dazu nicht sagen“, damit verschwand er im Dickicht.

„Na toll, jetzt sind die da oben endgültig durchgeknallt und hetzen uns eine Voodoo-Priesterin auf den Hals“, stöhnte Jared und stemmte seine Hände in die Hüften.

„Ich hab nicht behauptet Voodoo zu praktizieren“, schnappte Joy, „ich war nicht heiß auf den Job, das könnt ihr mir glauben.“

„Aber sicher meine liebe Joy“, fauchte Jensen.

Er und Jared gingen um den Wagen herum, um sich einen Überblick über das Szenario zu verschaffen.

„Du scheinst jedenfalls ganz eifrig bei der Spurensicherung zu sein.“

Sie gab dem Fotografen, der neben ihr wartete, ein paar Anweisungen.

Dann ging sie hinüber zu Jensen und zwang ihn, ihr ins Gesicht zu sehen, „Helen war meine Halbschwester, denkst du, nur dir steht das Recht zu, verbittert zu sein?“

„Du hast uns damals ins offene Messer laufen lassen meine Liebe“, fuhr Jensen unbeirrt fort, „es waren deine Leute, die das Profil für Triscal erstellt hatten“, er bohrte ihr seinen Zeigefinger in die Schulter, „sie haben sich ein wenig verschätzt, als sie meinten er hätte so was wie einen „Gottkomplex“. Triscal hat eine ausgewachsene bipolare Persönlichkeit. Ist er in einem Moment depressiv, jubelt er sich im nächsten in eine Manie, unbesiegbar zu sein. Was diese Fehleinschätzung für Folgen hatte, wissen wir beide nur zu gut.“

Tränen traten in ihre bernsteinfarbenen Augen.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es mit leid tut Jensen? Sie kommt nicht mehr zurück, nie mehr. Auch nicht, wenn du dich in Selbstzerfleischung übst und mir weiterhin die Schuld für ihren Tod gibst.“

„Du hast es dir ja soo einfach gemacht“, Jensen zitterte am ganzen Körper, „du bist einfach nach Hause zu Mami und zu Papi gegangen. Wo konnte ich hingehen? Ich hatte Glück, dass Helens Begräbnis ein offizielles war. Sonst hätte den Vater sicher dafür gesorgt, dass ich nicht daran teilnehmen kann. Und dann dein Abschlussbericht. Eine Glanzleistung Joy! Ihr habt die ganze Verantwortung auf mich abgeschoben.“

„Das ist nicht wahr“, entgegnete sie, „das hab ich nicht.“

„Leidest du an Alzheimer? Ich hab ihn noch in meiner Schublade. Dachte schon daran ihn rahmen zu lassen. Ich kann dir gerne eine Kopie schicken“, er stand knapp davor, die Fassung zu verlieren, „wie war’s eigentlich im Paris? Du konntest es nach dem Begräbnis ja kaum erwarten, nach Europa zu fliegen.“

„Du hast keine Ahnung Jensen“, Tränen liefen unaufhaltsam über ihre Wangen, „ich war nicht in Paris, ich war in der Hölle.“

Jared wurde langsam ungeduldig, legte zwei Finger in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus.

Augenblicklich richteten sich alle Augenpaare auf ihn, „danke“, sagte er nonchalant, „wie wär’s, wenn ihr einfach den Pickup abfackelt? Dann schafft ihr es sicher in die 9 Uhr Nachrichten bei CNN, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kollegen habt ihr bereits.“

Jensen und Joy starrten sich weiterhin an, bis sie seinem Blick nicht länger standhalten konnte, oder wollte und ging.

„Arschloch“, zischte sie.

„Blöde Zicke“, rief er ihr unnötiger Weise hinterher.

Jared schüttelte den Kopf, „hast du sie noch alle? Was soll der ganze Zirkus? Ice, das ist ein Tatort und keine Kampfarena. Mietet euch ein Hotelzimmer, vögelt bis zum umfallen und die Sache ist gegessen.“

„So einfach ist das nicht Jared“, Jensens Stimme brach.

Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel und versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Jared stocherte derweil im Dickicht herum und wurde prompt fündig, „ich muss in meinem Vorleben Spürhund gewesen sein“, triumphierend hielt er eine Digicam in die Höhe, „da guckt ihr was?“

Der Beamte neben ihm war tatsächlich verblüfft. Da Jared ohnehin Latexhandschuhe trug, bestand keine Gefahr, unerwünschte Fingerabdrücke darauf zu hinterlassen. Neugierig stellte er die Kamera an.

Seine Mimik sprach Bände, „es gibt also zwei Opfer“, murmelte er grinsend wie ein Honigkuchenpferd, „und die hatten anscheinend jede Menge Spaß miteinander bevor man sie zur Ader ließ.“

Jensen stellte sich hinter ihn, „toll Freilandsex. Wir suchen also ein Pärchen. Hat man schon eine Ahnung wer die beiden sind?“

Keine Antwort. Jared gab sich ganz den, äußerst delikaten, Bildern hin.

„Hey Spanner, wer sind die zwei?“ Jensen stieß ihn unsanft in die Seite.

„Aua, gönn mir doch das Vergnügen, ich hatte seit achtundvierzig Stunden keinen Sex mehr.“

„Das ist ein Tatort, schon vergessen?“ erinnerte ihn sein Partner.

Seufzend machte Jared die Kamera aus, bat einen Kollegen um einen Beweismittelbeutel.

„Denkst du sie geben uns Kopien von den Bildern?“ raunte er in Jensens Ohr.

Der hörte ihm jedoch schon längst nicht mehr zu, sondern wühlte im Handschuhfach des Pickups. Nichts.

„Detective Ivory“, ein Beamter in Uniform eilte zu ihm und übergab ihm einen Zettel, „das hier sind die Zulassungsdaten des Fahrzeuges. Der Halter ist ein gewisser Bernard Fleming.“

Jensen nickte ihm freundlich zu, „danke Officer.“ Dann rief er nach Jared, da er ihn nirgends finden konnte.

„Ich eile“, tönte dessen Stimme aus dem Wald, „die Jungs haben einen blutverschmierten Rucksack gefunden“, informierte er Jensen, als er auf ihn zukam und wedelte mit einem Studentenausweis.

„Jarvis Mouser, zumindest kennen wir jetzt den Namen des Jungen.“

Jensen nickte, „ich hab die Daten des Fahrzeughalters, statten wir ihm doch einen Besuch ab, hier können wir ohnehin nichts mehr tun.“

Als sie zum Wagen kamen, steckte eine Notiz für Jensen im Scheibenwischer: „Es tut mir leid. Vielleicht sollten wir uns einmal in Ruhe miteinander unterhalten, ruf mich an. Joy.“

Wortlos steckte er den Zettel ein.

„Etwas, das ich wissen sollte?“ hakte Jared nach.

„Nein, nicht wirklich“, Jensen warf ihm die Autoschlüssel zu, „du fährst.“ tbc

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Kapitel 9
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Jared bemühte sich aufrichtig, den Verkehr im Auge zu behalten, doch ihm gingen so viele Dinge durch den Kopf, dass er immer wieder einen unsteten Blick auf seinen Partner warf. Zuerst dachte Jensen daran dieses Verhalten zu ignorieren. Doch angesichts der Tatsache, dass sie beide schon eine ganze Weile Partner waren und Jared ihm mehr als einmal treu zur Seite gestanden hatte, gab er sich einen Ruck.

„Na los, frag schon. Bevor du vor Neugier platzt oder wir im Straßengraben landen.“

Jared fühlte sich ertappt und schluckte, „es ist nichts, echt. Und wenn du nicht darüber reden willst, akzeptier ich das.“

„Jared“, sagte Jensen mit warnender Stimme, „spuck’s verdammt noch mal aus.“

„Hattest du was mit Helen?“

Jensens Kiefer mahlten, „yep, wir hatten nicht nur „was“ miteinander, sie stand kurz davor ihren Verloben Lester Durban, den Staatsanwalt, zu verlassen. Das war der Grund dafür, dass Lester und ihre Eltern mich wie einen Aussätzigen auf der Beerdigung behandelt haben.“

„Mann, Ice, ich dachte für dich gäbe es immer nur Sex mit der Ex“, gluckste Jared.

Jensen begann sich ein wenig unwohl in seiner Haut zu fühlen. Dieses Versteckspiel durch all die Jahre hindurch, war ihm alles andere als leicht gefallen.

„War Helen auch der Grund für die Scheidung von Sarah?“ bohrte Jared weiter.

Jensen schüttelte den Kopf, „unsere Ehe bestand schon lange vorher nur noch auf dem Papier. Die Sache mit Helen gab mir lediglich einen willkommenen Anlass, endlich reinen Tisch zu machen.“

„Lester Durban, dieses arrogante Arschloch“, Jared konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen, „das hat ihm gebührt. Ich hatte schon ein paar unliebsame Auseinandersetzungen mit ihm vor Gericht. Er denkt, er weiß alles über unseren Job, dieser Sesselfurzer. Hahahaha, ich kann nicht mehr. Ich wär zu gern dabei gewesen, als Helen sich ihm offenbarte und ihm mitteilte, sie wolle ihre Zukunft lieber mit einem Abschaum wie uns, das sind wir nämlich für ihn, verbringen. Was ist mit dieser knackigen Braut Joy? Hast du vielleicht auch versucht sie anzubaggern?“

Jensen kam nicht umhin und wurde von Jareds Lachen angesteckt, „nein du notgeiler Bock. Von Joy hab ich stets die Finger gelassen. Sie war nie mein Typ. Mich hat es sowieso gewundert, dass Lester Helen den Vorzug gegeben hat. Sie war so unkonventionell und spontan. Joy hingegen hätte mehr zu diesem Anal fixierten Snob gepasst. Bei ihr ging nie was ohne minuziöse Vorbereitungen. Nicht einmal ein Ausflug zum See. Ich denke Joy lebt ihr Leben nach ihrem Filofax.“

„So kam mir die kleine gar nicht vor“, meinte Jared, „eher so wie Rumpelstilzchen. Du scheinst sie ganz schön aus dem Konzept gebracht zu haben.“

Jensen wurde ernst und warf einen Blick aus dem Seitenfenster, „obwohl sie meine Karriere mit ihrem Abschlussbericht beinahe vernichtet hätte, war sie die einzige, die zu mir gehalten hat. Ich hab mich ihr gegenüber wie ein Hornochse aufgeführt.“

„Wir haben alle mal nen schlechten Tag Ice“, sagte Jared, nahm kurz seine Hand vom Lenkrad und klopfte Jensen väterlich auf die Schulter.

Denn Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend. Zwanzig Minuten später erreichten sie die angegebene Adresse. Es war ein schmuckes Häuschen, in einem der besseren Vororte von L.A. Die Flemings schienen ein Faible für die Farbe Gelb zu haben. Ihr Haus war in dieser Farbe gestrichen und in der Auffahrt stand ein gelber Beetle. Jensen und Jared gingen die vier Stufen zum Eingang hinauf und klingelten.

Es dauerte nicht lange und eine Frau, um die vierzig öffnete ihnen die Tür, „sie wünschen Gentlemen?“ fragte sie höflich.

Die beiden Detectives mussten erst mal wieder ihre Kinnladen hochklappen, denn die Frau trug lediglich einen winzigen sonnengelben Bikini und offenbarte damit mehr als nur eine makellose Figur, an die mit hundertprozentiger Sicherheit ein Schönheitschirurg Hand angelegt hatte. Keine Frau in diesem Alter hatte einen so prallen Busen und solch perfekten Kurven.

„Was ist? Haben sie ihre Zungen verschluckt?“ fragte sie und trommelte unruhig mit ihren langen Fingernägeln am Türrahmen.

„Verzeihen sie die Störung Ma'am“, Jensen hatte als erster seine Stimme wieder gefunden, „mein Name ist Jensen Ivory und das ist mein Partner Jared Ebony.“

„Ich unterschreibe nicht für die Legalisierung der schwulen Ehe, sie vergeuden hier nur ihre Zeit, außerdem haben sie schon mal einen Blick auf die Uhr geworfen?“ Rums!

Sie hatte ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen.

„Ja spinn ich oder was?“ echauffierte sich Jared und sah zuerst an sich herunter und dann an seinem Partner, „wie kann die uns als schwul bezeichnen? Ich finde wir sind durchaus hetero gekleidet.“

„Zück deinen Ausweis“, forderte ihn Jensen auf und tat das gleiche.

Dann drückte er erneut auf den Klingelknopf und zwar so lange, bis Mrs. Sunshine fuchsteufelswild die Tür aufriss.

„Das ist eine Unverschämtheit, was erlauben….“, die Worte erstarben auf ihren Lippen, als die die Dienstmarken des LAPD erkannte.

Sie schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen und ihre Gesichtsfarbe wechselte von dunkelbraun auf hellbeige, „entschuldigen sie das Missverständnis Officers.“

„Detectives“, korrigierte sie Jared mit einem süffisanten Grinsen, „hätten sie vielleicht die Güte uns kurz herein zu bitten? Sie möchten doch sicher nicht die Aufmerksamkeit der gesamten Nachbarschaft auf sich ziehen.“

Rasch bat sie die beiden herein, verschwand um die Ecke und kehrte, eingehüllt in einen Morgenmantel, wieder zurück.

„Ich lag gerade auf der Sonnenbank. Wollen sie vielleicht etwas trinken? Scotch oder lieber einen Cocktail? Also ich brauch jetzt einen Daiquiri.“

Mit hysterischer Stimme rief sie nach ihrem Dienstmädchen. Jensen und Jared beschränkten sich auf ein Glas Eiswasser.

„Kommen sie bitte weiter, mein Mann ist noch im Studio. Er arbeitet gerade an einem neuen Album für einen guten Freund von 50 Cent“, erklärte sie und führte die beiden in den Salon.

Das Haus war äußerst opulent eingerichtet. Jared entdeckte an den Wänden zahlreiche Auszeichnungen aus dem Musik und Showbiz.

„Womit kann ich ihnen dienen? Ich hoffe Cheyenne hat nicht schon wieder was ausgefressen“, jammerte Mrs. Fleming.

„Ich nehme an das ist ihre Tochter?“ fragte Jensen und bekam ein zustimmendes Nicken. „War ihre Tochter heute mit einem gelben Pickup unterwegs?“ begann er die Befragung.

Mrs. Fleming nickte und als das Dienstmädchen die Getränke hingestellt hatte, kippte sie den Daiquiri beinahe in einem Zug herunter.

„Was hat dieses elendige Miststück wieder angestellt?“ fauchte sie so unvermittelt, das Jensen und Jared zusammenschraken.

„Das wissen wir noch nicht. Eine Gruppe von Pfadfindern hat den Pickup verlassen an einer Waldlichtung entdeckt.“

„Bring mir noch einen Daiquiri Maria“, stöhnte Mrs. Fleming und strich nervös ihren Morgenmantel glatt.

„Ich hab meine Tochter schon seit drei Tagen nicht zu Gesicht bekommen. Sie sagte, sie brauche wieder mal eine Auszeit von uns, nichts neues. Sie rebelliert gegen das Establishment, wenn sie verstehen, was ich meine.“

Jensen und Jared tauschten leicht amüsierte Blicke.

„Der Zustand des Wagens und das was wir gefunden haben, lässt auf ein Verbrechen schließen“, sagte Jared.

Diesmal trank sie ihren Cocktail mit kleinen Schlucken.

„Würde mich nicht wundern, dieses kleine Flittchen ist ständig auf der Suche nach willigen jungen Männern. Sie lässt sich von ihnen ordentlich durchvögeln und dann dürfen sie gehen. Könnte gut sein, dass sie an den Falschen geraten ist.“

„Die Beziehung zu ihrer Tochter scheint mir ein wenig gestört“, stellte Jensen vorsichtig fest.

Mrs. Fleming lachte verbittert auf, „Cheyenne ist gestört und unsere Beziehung ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Seit sie zwölf Jahre alt ist, mach sie was sie will. Ihre Psychiater haben uns schon ein Vermögen gekostet. Sie ist ein so genanntes Indigokind.“

„Ein was?“ hakte Jared nach.

„Ein Indigokind. Haben sie noch nie was davon gehört?“

Die beiden Detectives schüttelten ihre Köpfe.

„Es sind Kinder die besonders intuitiv, kreativ, exzentrisch und unabhängig veranlagt sind. Manchmal wird ihnen auch nachgesagt, sie wären telepathisch, hellsichtig oder heilerisch. So ein Quatsch. Cheyenne ist von ihrer Großmutter einfach nur verzogen worden. Meine Mutter gehörte in den 60ern zu sämtlichen Hippie-Bewegungen des Landes. Ich kam in einem VW-Bus am Seitenstreifen einer Autobahn zur Welt. Das Kind einer vollkommenen Liebe.“

Sie prustete und nahm noch einen Schluck.

„Sie haben also keine Ahnung, wo sich ihre Tochter aufhalten könnte?“ vergewisserte sich Jensen.

Mrs. Fleming schüttelte den Kopf, „hab ich ja schon gesagt. Haben sie Tomaten auf den Ohren?“

Ihre Sprache war durch den vielen Alkohol beeinträchtigt.

Jared erhob sich, „danke für die Zeit, die sie uns geopfert haben Mrs. Fleming.“

„Keine Ursache, nach unserem schlechten Start. Es tut mir leid, dass ich euch zwei für Tunten gehalten hab. Aber als sie von diesem Schnuckelchen“, sie klammerte sich unvermutet an Jared, „als Partner gesprochen haben, kamen mir sofort schmutzige Gedanken“, lüstern leckte sie sich die Lippen und eine Alkoholfahne wehte in Jareds Gesicht.

Zu allem Überfluss drückte sie ihm auch noch einen feuchten Schmatzer auf die Wange.

„Ich denke wir sollten gehen“, sagte Jared und entwand sich angeekelt Mrs. Flemings gierigen Fingern. „

Dabei wird’s doch jetzt gerade erst gemütlich, unkte Jensen und handelte sich damit einen Schlag auf den Hinterkopf ein, „aua.“

„Gern geschehen“, entgegnete Jared und stürmte bereits zum Ausgang.

„Ich bin die einsame und unbefriedigte Frau eines erfolgreichen Produzenten“, rief ihnen Mrs. Fleming hinter her und begann sich auszuziehen.

„Seht her, ich mach alles was ihr wollt.“

Jensen warf noch einen Blick zurück und wäre dabei beinahe über die Skulptur im Vorraum gestürzt.

Diesmal klemmte er sich hinter das Steuer.

„Die war splitterfasernackt Jay und hat an ihren Nippeln rumgespielt, hast du das gesehen Jay?“

Jensens Mund war so trocken wie die Wüste Sahara.

„Gott sei Dank nicht, du hast Glück, dass du nicht blind geworden bist. Die Alte war einfach nur YUCK!“

Jared schüttelte sich, „wenn ich zu Hause bin, werde ich sicher zwei Stunden unter der Dusche stehen und mich gründlich abschrubben.“

„Nanu, woher der plötzliche Sinneswandel? Du fällst doch sonst über alles her, was sich dir zwischen die Beine stellt“, neckte Jensen.

„Die würd ich nicht mal mit einer Kneifzange anfassen, diese Frau ist einfach das Letzte. Und wie sie von ihrer Tochter gesprochen hat. Ich denke, sie ist einfach nur eifersüchtig auf sie.“

„Weil sie die jungen Hengste zum Vögeln bekommt und Mami 300 Dollar im Monat für Batterien ausgeben muss?“ amüsierte sich Jensen, „schlimm, wenn man nicht älter werden kann.“

Zuerst setzte er Jared bei seinem Apartment ab, anschließend fuhr Jensen nach Hause. Bis vorhin hatte er sich noch putzmunter gefühlt. Doch kaum betrat er seine vier Wände, erfasste ihn bleierne Müdigkeit. Er kickte die Schuhe von den Füßen, hängte die Jacke auf den Haken und ging ins Schlafzimmer. Dort ließ er sich, komplett bekleidet ins Bett fallen und starrte in die Dunkelheit. Nicht lange, dann schlief er ein.

Einen Wimpernschlag später befand er sich wieder in der Höhle mit Helen. Er lag nackt auf dem kalten Stein des Altars. Seine Füße waren gespreizt und mit ledernen Fesseln fixiert. Seine Hände waren ebenfalls links uns rechts von seinem Kopf an den Stein gefesselt. Er hörte Helens markerschütternde Schreie und das irre Lachen von Triscal und seinen Anhängern. Dann kam der Meister zu ihm. Er hielt eine schwarze Schale in der Hand.

Mit seinen spinnenartigen Fingern griff er hinein und träufelte Blut auf ihn. Dann rissen zwei von Triscals Männern Jensens Mund auf und Triscal goss das den Inhalt, Helens Blut, hinein und zwangen ihn zu schlucken.

„Na, schmeckt sie nicht wunderbar. Deine Partnerin ist schon ein Prachtexemplar“, Triscal beugte sich über Jensen und lachte teuflisch.

Es wurde dunkel um ihn und das Lachen verklang. Dann wechselte das Szenario. Jensen lag in seinem Bett. Er fühlte jemanden neben sich. Langsam drehte er den Kopf zur Seite und sah Helen. Sie war so wunderschön. Sie schien zu schlafen und hatte ihre Augen geschlossen. Der Anblick rührte ihn tief im Herzen. Er drehte sich zu ihr und strich sanft über ihre Wange.

Dann lehnte er sich zu ihr hinüber und küsste sie. Während er das tat ging plötzlich eine Veränderung mit Helen vor sich. Ihr Haar wurde dünner, ihre Haut verschrumpelte und als er entsetzt zurückschrak, blickte er in leere Augenhöhlen.

„Du hast mich im Stich gelassen Jensen, dabei habe ich dich mehr als mein Leben geliebt. Ich verfluche dich!“ schrie sie und fauliger, stinkender Atem blies ihm entgegen.

Mit blankem Entsetzen wich Jensen von der Mumie zurück und erwachte mit einem gellenden Schrei und schweißgebadet. Er brauchte gut fünf Minuten, um sich zu sammeln. Der Traum war schrecklich real gewesen. Jensen sprang auf, riss sich das Gewand vom Körper, stürmte ins Badezimmer und stellte die Dusche an. Das heiße Wasser tat gut, doch spendete es keinen Trost. Verzweifelt lehnte er sich an die Fliesen und glitt langsam nach unten. Dann rollte er sich in die Fötalpostion zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. tbc

Posted on: 1/19 18:35
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Kapitel 10
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„Cool, Jensen Ivory, der mit den Müllleimern tanzt“, neckte Jared seinen Partner aufgrund von dessen äußerst mitgenommenem Erscheinungsbild.

Jensen hob die Hand, „behalt deine dämlichen Sprüche ausnahmsweise für dich“, seine Stimme war ein Flüstern.

Er bewegte sich wie ein alter Mann, schlurfte hinüber zur Kaffeemaschine. Doch heute war die dunkle zähe Masse selbst für ihn nur Ekel erregend.

Müde hob er die Kanne und schwenkte sie mit gekräuselter Stirn, „hat jemand vielleicht ein Loch auf dem Parkplatz zu versiegeln?“

Kopfschüttelnd stellte er sie wieder ab und verschwand für einige Minuten.

„Unter welchen Bus hat er sich denn gelegt?“ wollte Jeremiah wissen. Als neuer war er noch immer die Zielscheibe von einigen Kollegen. Diesmal konnte er aufatmen, Jensen schlug ihn mit seinem Auftritt um Längen.

Jared schüttelte sich, als müsse er ein lästiges Anhängsel loswerden und widmete sich wieder der Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. Es war eine Zusammenfassung der gestrigen Ereignisse. Nach knapp fünfzehn Minuten kehrte Jensen mit einem Becher von Starbucks zurück an seinen Platz.

„Und die haben dich tatsächlich bedient?“ meinte Jared grinsend.

Jensen hob den Becher, „wie man sieht. Ich musste nicht mal meine Pistole zücken. Was liest du da?“ neugierig beugte er sich vor.

„Akte X im Wald“, murmelte Jared, „leider steht hier nichts drin, was wir nicht schon wissen.“

Jensen seufzte, dann verschränkte er seine Arme auf dem Tisch und legte seinen Kopf darauf, „weck mich, wenn’s brennt“, meinte er lakonisch.

Jared las ungestört weiter.

In der Union-Station herrschte geschäftiges Treiben. Züge und Busse fuhren ein und aus. Zahlreiche Pendler strömten in die Stadt und an ihren Arbeitsplatz. Niemand bemerkte den blassen Jungen, der mit leeren Augen aus einem der Züge gestiegen war. Besonders Eilige rempelten ihn an und gaben ihm die herrlichsten Schimpfnamen. Es tangierte ihn nicht. Er trottete in eine bestimmte Richtung, unaufhaltsam. Keiner der Anwesenden hatte auch nur die geringste Ahnung, dass der Junge eine Sprengstoffweste unter seiner Jacke trug. Sein Ziel war die Mitte der großen Bahnhofshalle. Er hatte keine Angst zu sterben, er fühlte rein gar nichts. Er musste nur den Auftrag erfüllen, dann würde alles gut werden. Ganz bestimmt, das hatten sie ihm versprochen.

Es war so weit. Er hatte den Mittelpunkt der Halle erreicht. Emotionslos drückte er auf den Auslöser in seiner Hand. Der Körper des Jungen wurde in Stücke gerissen. Die Detonation war so heftig, dass ein Loch in den Boden der Halle gesprengt wurde. Die Weste war eine besonders heimtückische Anfertigung gewesen. Sie war mit unzähligen stacheligen Stahlkugeln gefüllt. Die Wucht der Explosion hatte zahlreiche Leute zu Boden geschleudert. Die Stahlkugeln zerfetzten Fleisch, Muskeln und Knochen. Die Leute schrieen und wimmerten. Diejenigen, die noch irgendwie aufrecht gehen konnten schleppten sich in Richtung der Ausgänge, wurden jedoch von der rasenden Menge zu Boden gerissen. Kleine Kinder verloren ihre Mütter und Väter in dem Getümmel. Es herrschte pures Chaos. Die Ausgänge waren hoffnungslos verstopft. Zu viele Menschen wollten sich gleichzeitig durch zu wenige Türen zwängen.

Jared schüttelte Jensen, „hey Mann, wach endlich auf. Das gibt’s ja nicht. Stehst du unter Drogen?“

Nur sehr langsam öffnete sein Partner ein Auge nach dem anderen.

„Brennt’s etwa?“

„In der Union Station ist eine Bombe hochgegangen, genügt dir das?“

Zuerst starrte Jensen ungläubig in Jareds Augen und dachte an einen Scherz. Doch seine Gesichtszüge und sein Tonfall verhießen das absolute Gegenteil.

Augenblicklich war Jensen hellwach und sprang auf, wie von der Tarantel gestochen, „du meine Güte. Weiß man schon….?“

Jared schüttelte seinen Kopf, „es kam gerade über Funk.“

Der Weg zur Union Station wurde zum Spießrutenlauf der Einsatzkräfte. Das letzte Stück mussten die beiden sogar laufen, weil es mit dem Wagen absolut kein Weiterkommen mehr gab.

Sie meinten Laiendarsteller in einem Horrorfilm zu sein. Abgetrennte Gliedmaßen, blutüberströmte Leichen, Verletzte, die vor Schmerzen brüllten. Fassungslos blickten sie sich um.

„Ich komm mir vor, wie im Irak“, sagte Jared und fühlte wie sich sein Magen verkrampfte.

„Apropos, meinst du, das hier ist ein Gruß von deinen ehemaligen „Freunden““, wollte Jensen wissen.

„Keine Ahnung Ice, da drüben ist der Chief, komm mit.“

Sie sprinteten querfeldein und überwanden dabei einen Hindernisparcours aus Bahren, Ersthelfern und div. Einsatzwägen. Der Chief befand sich im Gespräch mit ein paar Männern, die, ihrem Aussehen nach zu urteilen, Geheimdienstangehörige waren.

Er bemerkte seine Leute aus dem Augenwinkel heraus und bedeutete ihnen mit der Hand kurz zu warten.

„Ja, Sir, sie können natürlich mit unserer Hilfe rechnen. Kein Problem“, hörten sie ihn sagen, dann wandte er sich um und kam auf sie zu, „böse Sache. Alles was wir wissen ist, das in der Mitte der Halle eine Bombe hochgegangen ist. Manche Leute sprechen sogar von einem Selbstmordattentäter“, der Chief kratzte sich nachdenklich am Kopf, „aber sicher ist gar nichts. Ein Trupp mit Bombenspürhunden macht gerade die Runde. Die Leitung der Ermittlungen gehört den Leuten vom Heimatschutz. Sie werden uns bei Bedarf anfordern. Das heißt, ihr könnt euch weiter um Triscals „Nachfolger“ kümmern.“

Sein Unterkiefer mahlte, als er sich umblickte, „so ein Irrsinn.“

Jensen und Jared stimmten ihm zu.

Triscal ging in seiner Zelle hin und her, wie ein gereiztes Raubtier im Käfig. Wie ironisch war dieser Vergleich doch war, schoss es ihm durch den Kopf. Für viele Menschen war er auch eine Bestie. Niemand hatte je versucht ihn zu verstehen, genauso wenig wie seine Religion. Sie hatte Opfer gefordert, doch diese waren notwendig gewesen, um der Gemeinschaft zu mehr Zusammenhalt zu verhelfen. Er hatte geschafft, woran Gesellschaft und Politiker kläglich gescheitert waren: er hatte junge Menschen von der Straße geholt und ihrem öden Dasein einen Sinn gegeben. Nach seiner Verurteilung hatten sich seine Jünger in alle Winde zerstreut. Der Tod seiner Nichte sowie all die anderen Dinge, die ihm von wohlgesinnten Mithäftlingen zugetragen wurden, zeigten jedoch, dass sich die Gruppe neu formierte.

Nur das ihr Führer diesmal weitaus radikaler vorging. Triscals Ziele und die seines „Partners“ waren nie die gleichen gewesen, nicht im eigentlichen Sinn. Egal, er war es, der nun in San Quentin einsaß. Wen wundert’s? Kennen gelernt hatte er dieses skrupellose Arschloch nie. Deshalb konnte er der Polizei auch keine detaillierten Angaben liefern, selbst wenn er wollte. Das Einzige, das er wusste, war, dass es jemand mit großem Einfluss sein musste. Der Verrat, der ihm diese vier mal vier Meter eingebracht hatte, war aus den eigenen Reihen gekommen.

Nie im Leben wären ihm die Bullen ohne gezielte Hinweise auf die Schliche gekommen. Ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Wie groß mochte der Einfluss tatsächlich sein? Er stützte sich an der Mauer ab und lehnte seine Stirn gegen die kalte Stahlbetonwand. Nein, er war seines Lebens hier nicht länger sicher und seine geplante Verlegung in eine Gemeinschaftszelle, würde sein Ableben lediglich beschleunigen. Das war so sicher, wie das Amen in der Kirche. Sein Verstand lief auf Hochtouren auf der Suche nach einer Möglichkeit seinen nächsten Geburtstag erleben zu können. Vielleicht sollte er noch mal mit Ivory sprechen, unter vier Augen. Lauthals begann er nach dem wachhabenden Offizier zu rufen.

Jensen und Jared saßen auf einer Parkbank und kauten lustlos auf ihren Hot Dogs herum.

„Eigentlich hab ich gar keinen Hunger“, meinte Jared.

„Ich auch nicht“, Jensen warf sein Essen in den Mülleimer neben ihm und nuckelte an seiner Dose Cola.

„Mann, du musst das doch nicht gleich wegwerfen! Weshalb hast du’s nich mir gegeben?“ beschwerte sich sein Partner.

„Hallo? Du hast gerade gesagt, du hättest sowieso keinen Hunger.“

Jared zog eine Schnute, „dafür hätte ich grad noch Platz gehabt. Man wirft kein Essen weg, hat meine Großmutter immer gesagt.“

Seufzend begann Jensen im Mülleimer zu wühlen und Jared bekam Augen wie Hühnereier, „du tickst wohl nicht richtig Ice, untersteh dich.“

Grinsend wandte Jensen sich um, „was jetzt? Keine Nachspeise?“ Er zog eine vergammelte Banane hervor und schwenkte sie vor Jareds Augen hin und her, „lecker, lecker!“

„Du bist unmöglich“, entgegnete dieser und stand auf, „ich hasse dich. Wenn du schon Scheiße aussiehst Ice, dann musst du dich nicht noch so benehmen.“

Jared schluckte seinen letzten Bissen hinunter und ging Richtung Wagen. Jensen steckte die Banane wieder dahin zurück, wo er sie her hatte und folgte ihm. Kaum waren sie eingestiegen, klingelte Jensens Handy.

„Hallo Ivory“, es war der Chief, „sie scheinen kindliche Gefühle in Triscal geweckt zu haben. Er brüllt nach Ihnen wie ein Kleinkind nach seiner Mama. Er will sie wieder sehen, diesmal alleine.“

Jensen bekam einen Schweißausbruch, „weshalb?“ „Er sagte es ginge um Leben und Tod. Ihm geht sicher der Arsch auf Grundeis, weil er doch eine „Haftverbesserung“ bekommt und das bedeutet, er hat in Zukunft Mitbewohner.“

Jensen schluckte, „hören sie Chief, ich bin im Moment wirklich nicht in der Verfassung Spielchen mit Triscal zu spielen, können sie…..“

„Es tut mir leid Ivory, sie treffen sich mit ihm, alleine. Das ist ein Befehl.“

„Ja, Sir“, krächzte Jensen und klappte das Handy zu.

„Was ist mit dem Arschloch Triscal?“ Jared platzte regelrecht vor Neugier.

„Der Chief hat mir befohlen, mich mit ihm zu treffen, allein“, murmelte Jensen.

„Säuft der heimlich?“ echauffierte sich Jared, „das kann doch nicht sein ernst sein. Ich komm mit, auf jeden Fall. Entweder er redet mit uns beiden oder er kann’s vergessen.“

Jensen sah zu seinem Partner, „ich wäre froh, wenn du mich fahren könntest. Das andere mach ich schon alleine okay?“

Jared antwortete nicht sofort, man konnte ihm ansehen, wie er mit sich rang.

Dann meinte er, „in Ordnung. Aber wenn Triscal auch nur mit der Wimper zuckt, dann reiß ich ihm eigenhändig die Eier ab und dem Chief gleich dazu.“ tbc

Posted on: 1/19 18:36
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